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Hoffnung

Was baut uns auf, was schafft uns Hoffnung auf ein schönes und erfülltes Leben für uns selbst, unsere Kinder und Enkelkinder? Fernsehen? Die Verkehrsteilnehmer? Das Internet? All das sicher nicht. Neben dümmlichen Rateshows werden im Fernsehen fast nur Krimis, wie den Tatort ausgestrahlt, die uns stark daran zweifeln lassen, ob Täter und Polizisten nicht vor allem ein psychisches Problem haben.

Derartige Sendungen bauen uns nicht auf, sondern verstärken Depressionen, die wir bereits in öffentlichen Verkehrsmitteln, als Teilnehmer am Straßenverkehr oder in Kaufhäusern einfangen können. Auch kurzzeitige Entlastungen verschaffen kein Glücksgefühl, denn das fehlende Maß verbaut die Möglichkeit einer glückschaffenden Befriedigung.

Die Hoffnungslosigkeit zieht sich wie ein Band durch unser Leben, angefangen von persönlichen Unzulänglichkeiten, eingeschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten, gesundheitlicher Instabilität, politischer Unvernunft und das Fehlen der supranationalen Einsicht, dass alles getan werden müsste, um unseren Planeten zu retten. Wenn alles so hoffnungslos ist und wir uns aber danach sehnen, dass alles gut ist, warum haben wir dennoch Schwierigkeiten, eine erwartungsfrohe Hoffnung zu gestalten?

Vielleicht deshalb, weil dies anstrengend ist, vielleicht deshalb, weil andere dies tun sollten, vielleicht deshalb, weil es keinen offensichtlichen Gewinn bringt, vielleicht deshalb, weil wir von Hoffnung nichts halten? All dies mag eine Rolle spielen, sollte uns aber mahnen, dafür einzutreten, dass wir im Fernsehen, wie auf unseren Straßen lieber erfreulichere Erlebnisse erfahren, geprägt von Zuversicht, Hilfsbereitschaft und Fröhlichkeit. Ich bin davon überzeugt, dass dies in kürzester Zeit anstiftend wirken und unser Leben hoffnungsfroher machen würde.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehltau

Auf die Freizeitgesellschaft, die Spaßgesellschaft folgt übergangslos die Lähmungsgesellschaft: „Mehltau“. Es steht mir nicht an, diejenigen mit Häme zu bedenken, die sich in der Spaß- und Freizeitgesellschaft ausgetobt und auf das Vergnüglichste unterhalten haben. Allerdings sollten sie wissen, dass sie dies auf Kosten anderer getan haben. In einer entwickelten Gesellschaft schuften prinzipiell einige wenige hart für das   Vergnügen   der   Mehrheit.   Das   Sprachorgan der „Mainstreamvergnügten“ und ihrer Entourage findet selbstverständlich eine größere Resonanz als dasjenige der zaghaften, vertrockneten aber hoch edlen Spielverderber. Die Woge der Begeisterung schwemmt üblicherweise jeden Widerstand hinweg. Jetzt aber herrscht Flaute. Die Rufe der Mahner und der Besserwisser sind lauter zu vernehmen, aber noch lauter ist der Wehlaut aus jedem einzelnen „Prielloch“ unserer derzeit geschundenen Existenz.

Warum hat sich keiner darum gekümmert, als es noch Zeit war, so seufzt so mancher. Warum hat es uns keiner gesagt? Warum haben die nichts getan? „Die“ ist das Synonym für die Schuldigen. Das ist auch gerecht, denn in guten Zeiten wie in schlechten Zeiten marschiert der Gerechte Seit’ an Seit’ mit den Unterdrückten. Aber wo ist der Schutzengel jetzt geblieben?

Freizeit futsch, Vergnügen futsch, Geld futsch, Konsum futsch und was nun? Die bleierne Müdigkeit senkt sich über das Land. Einer muss was tun – doch wer nur und nach welchem Plan? Wir haben längst aufgehört, uns und unserer Kraft zum Handeln zu vertrauen. Der Homo agens ist ein Störenfried. Wer nichts tut, tut nichts verkehrt. Wir warten ab. Wir warten Kriege ab. Wir warten Rezessionen ab. Wir warten Depressionen ab. Wir warten ab, bis andere etwas tun. Aber auch die, auf die wir so sehnsüchtig gewartet haben, meinen nichts tun zu können.

Zu filigran ist – nach Auffassung der Handlungsbereiten – das internationale Netz der fehlenden Möglichkeiten. Beruhigend ist die Perspektive, dass allen der Frohsinn vergangen ist, sie alle im gleichen Boot sitzen und auf den Messias warten. Das drohende Unheil von Rezession und Krieg schürt bei den einen die Lebensangst, bei den anderen die unbändige Gewissheit: So schlimm wird es ja nicht kommen. Am besten sind Krisen durch Sitzfleisch zu meistern. Der Mehltau senkt sich über das Land. In schwierigen Zeiten ist der tiefe Riss, der durch unsere Gesellschaft geht, deutlich sichtbar. Dem Einen oder Anderen fällt erstmalig auf, dass das tägliche Brot vielleicht doch keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Gnade. Der Eine oder Andere begreift, dass er Verantwortung für sich und Andere trägt, unabhängig davon, ob Andere ihn in Anspruch nehmen oder nicht. Die Schuldzuweisung wird ihm nicht nützen. Mehltau liegt über dem Land. Wie fremd sind wir uns geblieben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski