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Unterhaltung (Teil 1)

Der Sinn der Unterhaltung ist die Vermittlung einer Botschaft. Das Versenden und das Empfangen von Botschaften geschieht auf unterschiedliche Weise, die sich in der Redegewohnheit der Beteiligten niederschlägt. Weitverbreitet ist die deskriptive Redeweise: Der sich in der Sprache mühende Redner vermeidet die Erwähnung jeglicher inhaltlicher Informationen, sondern beschränkt sich auf die Beschreibung äußerer Phänomene. Dieser Stil ist allgemein üblich und ermöglicht ein abendfüllendes Programm durch die einfache Wiedergabe memorierter, beliebig erfahrener Umstände wie Wetter, Reisen, Örtlichkeiten, Kindererziehung etc. Der Vorteil dieser Redeweise ist es, dass der Empfänger dieser Botschaften in keiner Weise mit irgendwelchen Inhalten belastet wird. Er kann, ohne sich auf das soeben Vernommene einlassen zu müssen, seine Botschaften auf gleiche Art und Weise zurückreichen. Diese Konversationsart ist vorwiegend bei Social Events, Parties und gelegentlichen, unerwarteten Zusammenkünften anzutreffen.

Für eine andere Form der Unterhaltung ist der Überzeugungston des Redners charakteristisch. Dieser Ton sammelt Erlebnisse und vermischt sie mit daraus gezogenen eigenen oder abgeleiteten Erkenntnissen, die mit dem Unterton der Verhinderung jedweden Widerspruchs vorgebracht werden. Wie Überzeugungstäter sind diese Redner in der Lage, auch den größten Quark so eindringlich zu schildern, dass kein direkter oder kollateral betroffener Zuhörer sich der sprachlichen Determinante entziehen kann. Jede Replik ist sinn- und nutzlos, wird nicht wahrgenommen, begleitet bestenfalls auf applaudierende Art und Weise den Redner.

Sozusagen als Variante zum Überzeugungsredner gibt es das endlose Reden. Darunter ist die Fähigkeit zu verstehen, unabhängig davon, welches Thema gerade zum Mund gekommen ist, darüber so ausführlich und langatmig zu dozieren, dass sich einige Zuhörer bequem zurücklehnen, weil sie sicher den Rest des Abends nicht mehr dazu kommen, irgendetwas zu sagen, andere jeden Widerstand aufgeben und sich ihrem Empfängerschicksal fügen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski