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Disruption

Disruption wird in der Wirtschaft gehandelt wie ein Versprechen. Disruptiv Industry. Wir machen alles anders, wir machen alles neu, durchbrechen gängige Denkmodelle. Ach wirklich? Was ist daran wirklich neu, abgesehen von der englischsprachigen Anmutung. Seit ihrem Bestehen ist die Menschheit immer wieder andere Wege gegangen, wenn die Umstände dazu zwangen oder Aufbruchssignale ertönten.

Auch Design Thinking ist nicht neu und bringt doch zum Ausdruck, dass der Einzelne in der Gruppe effektiver zu denken vermag. Solange die Ergebnisse nicht hinterfragt werden, reihen sich alle Menschen in die scheinbar erfolgreichen Prozesse ein. Alles nicht so hoch zu hängen, wäre eine geeignete Antwort, aber kein geeignetes Geschäftsmodell. Ich bin durchaus für alles, was digital angeboten wird und auch davon überzeugt, dass das beginnende digitale Zeitalter neue Bewältigungsinstrumente benötigt.

Wir müssen dabei aber nicht nur bedenken, wo der Mensch dabei bleibt, sondern auch im gesellschaftlichen Hinterkopf behalten, dass wir retardierende Wesen sind. Weder unser Körper, unser Geist, noch unsere Seele können stets Quantensprünge machen, geschweige denn uns von allen Gewohnheiten, Ritualen und bewährten Mustern verabschieden. So verlockend die Versprechungen sind, müssen wir um unser selbst Willen, zur Erhaltung der Menschheit etwas zurückstecken und nicht jede Mode mitmachen.

Es ist nicht Silicon Valley und die dort entwickelten Möglichkeiten, die uns in unserem Selbstverständnis als Menschen bedrohen, sondern – um bewusst in der englischen Ausdrucksweise hier zu verbleiben – unsere Cowerdness, unsere Infragestellung eigener Leistungsfähigkeit, obwohl gerade diese uns jederzeit mit brennendem Herzen die Herausforderung annehmen lassen könnte. Kann es denn nicht sein, dass ein werte- und geschichtsbewusstes Europa viel mehr leisten könnte als ein amerikanischen „Anything Goes“? Ich bin neugierig auf eine Zukunft, in der wir mit Geist, Körper und Seele neu gestaltend denken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski