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Gedankenerfinder

Ich bin ein Erfinder von Gedanken. Keiner meiner Gedanken ist es wert, auf die Goldwaage gelegt zu werden. Diese Gedanken sind auch nicht meine Gedanken im Besonderen, sondern es sind Gedanken, die mir zufliegen, wie Körner des Mondstaubs oder Mücken. Es gibt Gedanken, die mich piksen, die ich lästig abschüttle und manche, die ich wie Staub auf dem Mantel trage. Um andere Bilder zu nutzen, Gedanken sind wie Jonglierbälle. Ich werfe sie hoch, sie fallen zurück, sie schnellen wieder empor oder schnurren wie bei einem Jo-Jo an einem anderen Gedanken entlang, bis sie auspendeln.

Keiner der von mir erfundenen Gedanken hat irgendeinen Sinn, den ich ihm beilege. Jeder der Gedanken verfügt aber über einen eigenen Sinn, der aufbricht, wenn der Gedanke sein Ziel erreicht hat. Als Erfinder von Gedanken bin ich nur Medium, mäßig beteiligt, an dem sich selbst schaffenden Produkt. Es macht aber Spaß, Gedanken zu erfinden, sie zu diktieren, aufzuschreiben oder zu artikulieren, um anderen Menschen Gelegenheit zu geben, mit diesen Gedanken etwas anzufangen, was ihnen vielleicht nützen könnte.

Der Sinn meiner Gedanken liegt also ausschließlich in ihrer Erfindung. Wenn ich meine ganze Kraft darauf konzentriere, möglichst viele Gedanken hervorzubringen, kann es am Ende sein, dass irgendein Gedanke auslösend für Gedanken anderer sein kann. Wenn ich zum Beispiel den Gedanken äußere, dass wir Menschen alles von Menschen für Menschen machen, kann dieser eigentlich selbstverständliche Gedanke eine Revolution auslösen, die den Planten rettet und uns das belässt, was wir mit der Natur zum Leben benötigen. Ein einfacher Gedanke zwar, aber vielleicht für den Augenblick noch der Sinnvollste.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski