Er zeigt lieber Fotos von früher, anstatt es zuzulassen, dass ich ihn anschaue. Ein ständiges Sichverbergen. Er sitzt im schwerem Mantel mit fischgrätschalherausforderndem Gesicht, glatten Haaren und schwarzer Zigarette.
Der andere bist du auch. Aufgeribbelter blauer Pullover auf schmaler Brust, Trainingshosen bis über die Taille, weite Turnschuhe, niemals gewaschene Haare, aufgequollenes Gesicht, im Kopftuch weniger Mann denn Babuschka. Das Gesicht klagt nicht mehr an, es will nichts mehr überwinden, sondern Würde herausleiern aus täglicher Schande. Eugenie schämt sich und das macht ihn geschwätzig. Er drückt sich gewählt in der Sprache aus, um den Abstand zwischen sich und den Umständen seines kläglichen Lebens zu kennzeichnen. Kommt er auf Belmondo oder Alain Delon zu sprechen, leuchten seine Augen. Das sind starke Typen. Gibt es noch Licht in ihm? Äußerlich ist er innerlich abgebrannt. Er versucht, seine Situation zu erklären. Diese ist: Er sitzt auf der Straße und versucht, Bücher zu verkaufen. Dafür bekommt er etwas Geld. Das reicht nicht, er verkauft seine Gitarre und sein Mikrofon. Jetzt hat er ein Anliegen. Er braucht Geld für eine neue Gitarre und ein neues Mikrofon, um neu zu leben. Er bekommt das Geld und steht doch anderentags wieder vor meiner Tür, stinkend nach Rauch und Schweiß. Er bekennt, alles Geld im Casino verspielt zu haben. Er würde künftig dort nicht mehr aufkreuzen, überhaupt sei alles zu Ende. Wieder einmal. Die Träume von gestern, von der Produktion von Schallplatten und Gedichten. Ausgeträumt. Die schönen Gedanken nicht mehr zu denken. Früher sei alles anders gewesen. Dann habe er den Tomaschewski getroffen, sei weggerannt von den Drogen, konnte es aber nicht ertragen, wie sie seine besten Lieder heute ohne ihn singen, und dann, und dann sei alles wieder wie immer.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski
Fortsetzung im nächsten Blogbeitrag …