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Sitten und Gebräuche

Den Älteren unter uns sind sie noch vertraut und in der Erinnerung gegenwärtig, die Sitten und Gebräuche. Es gibt so ein Regelwerk, das jeder früher verinnerlicht hatte als einen Teil seines Erziehungsprogramms, dies von Kindesbeinen an. Die Regeln beruhten auf Hören-Sagen und wiesen uns durch den Tag und das Jahr, schafften Sicherheit im Umgang mit anderen. Soweit wir sie befolgten, waren wir auf der sicheren Seite und konnten potentiellen Ärger im Falle der Übertretung einschätzen. Auch wenn die Regeln nirgends kodifiziert waren, wusste jeder, was zu tun war und fühlte sich nicht nur persönlich gut, sondern auch im Einklang mit anderen im Falle ihrer Beachtung.

Sitten und Gebräuche waren der Ordnungsrahmen, der Gemeinschaften schuf, wobei aber jeder auch unerbittlich darauf achtete, dass Übertretungen die Ausnahme und überschaubar blieben. Jeder, der die Regeln beachtete, war gleichzeitig Nutznießer der Ordnung. Jeder fühlte sich selbst verpflichtet, war aber auch derjenige, der das Verhalten anderer kontrollierte und Regelverstöße anprangerte. Damit wird deutlich, dass Sitten und Gebräuche sich in der Regel nicht freiwillig beibehalten lassen, weil ihnen ein von der Sache her geprägter Zwang zukommt. Deshalb stehen Sitten und Gebräuche in einem steten Konkurrenzverhältnis zum menschlichen Freiheitswillen.

Im Gegensatz zur Ungebundenheit ist gleiches oder ähnliches Fühlen, Denken und Handeln der Wesenskern von Sitten und Gebräuchen. Das Regelwerk erwartet das Eins-Werden mit anderen, den gemeinsamen Willen an ihm festzuhalten. Es ist zwar durchaus aufnahmefähig für Impulse, die Veränderungen und Erweiterungen schaffen, aber nur, wenn der Kern des Werks nicht zerstört wird.

Da wir Menschen auf Orientierung in unserem Leben angewiesen sind, könnte es sich anbieten, in der Verbindlichkeit von Sitten und Gebräuchen wieder ein verlässliches Grundkonzept für die Entwicklung überzeugender Regelwerke in unserer Gesellschaft zu sehen, das einer ungezügelten Selbstverwirklichung das Angebot an gemeinschaftlicher Rücksichtnahme und Verantwortung gegenüberstellt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Touristen

Ach´ wie schön ist Panama! Das Ziel moderner Touristen ist die Welt. Es gibt aber kein beständiges Ziel. Statt immer wieder Italien ist Teheran, Moskau, Peking und Vancouver angesagt. Nicht nur die Städte, aber gerade diese geben den Touristen Gelegenheit, sich Dank Selfie und Internet mit der ganzen Welt zu vernetzen und zu zeigen, was alles geht. Es ist üblich geworden als Tourist, ob in der Stadt oder auf dem Land gleichermaßen, mit Flip-Flops, kurzen Hosen und T-Shirts aufzutreten. So sind Touristen zwar leicht erkennbar, aber gerade dies weist auf ein Problem hin. Die Touristen sind in der Überzahl.

Dank Verkehrsmitteln, Airbnb und Billighotels ist für Touristen heute fast alles möglich. Sie nehmen eine Stadt in Besitz, und zwar zu jeder Jahreszeit. Manche Städte – wie Palma de Mallorca – klagen darüber schon und versuchen, Kontingentierungen einzuführen. Bewohner anderer Städte reagieren aggressiv gegenüber Touristen oder ziehen sich in wenige von den Touristen noch unerkannte Quartiere zurück.

Um das Problem zu benennen: Die meisten Gegenden in dieser Welt sind zunächst von den ortsansässigen Menschen zum Nutzen ihrer Bedürfnisse gestaltet worden. Sie legen noch immer Wert auf bestimmte Sitten und Gebräuche, die ihre Heimat ausweist, zum Beispiel Ästhetik und zivilisierten Umgangston. Ein bestimmtes ortstypisches Verhalten verkörpert also diesen Menschenschlag, dessen Errungenschaften und Verhaltensweisen, die der Tourist eigentlich kennen lernen sollte. Das Gegenteil ist heute aber oft der Fall.

Der Tourist schert sich überhaupt nicht um die einheimische Bevölkerung, ihre Esskultur, Gebräuche und Sprache. Mit Englisch geht alles und das Verhalten, zumindest in der Gruppe entspricht der angemaßten Freiheit. Let´s Party, ein paar Tage später sind sie ja ohnehin wieder weg, also weitergezogen. Diese durchaus herrschende Touristenmentalität wird heute oft beklagt und kann durch mehr Umsatz nicht kompensiert werden. Wenn man sich nur für wenige Augenblicke am Brandenburger Tor aufhält, Selfies schießt und anschließend Donuts oder Eis dort zu sich nimmt, erfährt man nichts über Berlin.  Die Touristenwelt passt nicht zu uns Bewohnern, ob in der Stadt oder auf dem Land.

Wir müssen anfangen, von Touristen Respekt vor uns zu erwarten und dies als Teil einer Kampagne werden lassen, die Fremde willkommen heißt, aber auch das Einhalten von Regeln einfordert. Tun wir dies nicht, werden Aggressionen wachsen und sich Abwehrverhalten entwickeln, die Selbstschutzcharakter aufweisen. Gesetzgeber, Staat und Gemeinden müssen schleunigst diese Regeln aufstellen. Wenn die Touristen sich daran halten, sind sie willkommen, wenn nein, sollten sie wegbleiben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski