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Freiwillige Selbstaufgabe

Das menschliche Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft entspricht keinem abstrakten Modell, sondern wird von komplexen konkreten Umständen bestimmt, in denen sich die gesamte Menschheitsgeschichte spiegelt, Fehler impliziert, Errungenschaften verarbeitet, Zukunftserwartungen berücksichtigt, Visionen zulässt und auch neue Lebensentwürfen einer kritischen Prüfung unterzieht.

Als Voraussetzungen für das menschliche Zusammenleben gelten die persönlichen und familiären Verhältnisse, dörfliche und städtische Gemeinschaften, Heimat, Regionen, Nationen, Erdteile, Religionen, Wirtschaft, Klima, Fauna und Flora, kurzum die gesamten Verhältnisse auf unserem Planeten. Aus der Vielzahl von Möglichkeiten angebotener Herausforderungen kristallisiert sich dann ein gesellschaftliches Konzept heraus, welches uns entspricht, unserer Gemeinschaft zusammenhält und formt.

Wie in einem Kaleidoskop verändert sich dabei je nach Lichteinfall und Bewegung der Blickwinkel und damit auch die Anschauung, jedoch nicht der Vorgang des Prüfens und Betrachtens an sich. In Deutschland, Europa, ja auf unserem gesamten Planeten ist es selbstverständlich, dass unsere Gesellschaft sich verändert und dies zu einer Anpassung der Lebensverhältnisse führt. Doch was steht zur Disposition und was gewinnen wir hinzu? Entspricht es unserem kulturellen Willen, dass wir „Guten Tag“ oder ein „Grüß Gott“ durch „Hallo“ ersetzen? Sind Umgangsformen und Höflichkeiten disponibel? Ist das unflätige Benehmen in aller Öffentlichkeit Ausdruck eines neuen kulturellen Selbstverständnisses, also darauf komme es doch wirklich nicht an? Bedeutet Familie nichts anderes als die Last der Versorgung und des Geborenseins? Gibt es eine nicht nur gierige Begründung für das Primat der Wirtschaftlichkeit vor dem Gemeinsinn? Haben Fallzahlen denklogisch den Vortritt vor Gesundheit und Heilung?

Die Liste der Fragestellungen ließe sich fortsetzen und je nach Interessenslage beantworten. Der massive Verlust sämtlicher gesellschaftlicher Errungenschaften würde uns erschrecken, der schleichende Verlust zivilisatorischer und kultureller Errungenschaften tut es offenbar nicht. Je mehr wir verlieren, umso libertärer mag unsere Gesellschaft werden, aber auch anfälliger für jede säkulare und religiöse Indoktrination, da das Feld bereits weitgehend von ehemals nicht disponiblen Werten geräumt ist. Wenn alles abgeschafft werden darf, dann hat die Integrität einer Gesellschaft kaum noch eine Chance. Nutzen wir also die Gunst der Stunde, beleben unsere Gesellschaft in ästhetischer und rücksichtsvoller Weise und erhalten so ihr Wesen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski