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Vertraut sein

Wem kann ich vertrauen? Von dieser Frage hängt im Leben aller Menschen viel ab. Die gesamte Werbung ist auf Vertrauen aufgebaut und auch unser persönliches Werben um andere Menschen, die uns nahe sind oder uns näher kommen sollen. Oft bleibt uns Menschen nichts anderes übrig, als zu vertrauen, denn Vertrauen schafft zumindest Hoffnung.

Es gibt Momente, die das Vertrauen rechtfertigen, aber rechtsverbindlich wird es dadurch nicht. Vertrauen beruht nicht auf Anspruch, sondern auf Gewährung und setzt darauf, dass derjenige, der Vertrauen begehrt, souverän im Interesse des Vertrauenden handelt. Er muss großzügig, aufklärend und verantwortungsbewusst damit umgehen können.

Trotz des sorgsamen Umgangs mit gewährtem Vertrauen, muss der Vertrauensnehmer einkalkulieren, dass das in ihn gesetzte Vertrauen objektiv nicht gerechtfertigt war. Dann muss er nach Lösungen suchen, um dem Vertrauenden Genugtuung ggf. Kompensation und Ersatz zu verschaffen.

Was in wirtschaftlichen Funktionszusammenhängen Erfolg haben mag, scheitert meist in persönlichen Beziehungen. Eine gestörte Vertrautheit, die auf Verabredungen beruht, ist nicht kompensierbar. Eine letztgültige Vertraulichkeit zwischen Menschen scheitert schon an ihrer Behauptung. Nähe beruht auf Souveränität und Achtsamkeit. Durch Nähe wird das Maß an Fremdheit bestimmt. Je detaillierter diese erarbeitet wird, desto geringer wird die Fremdheit und rechtfertigt Vertrauen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Geteiltes Leid

Geteiltes Leid sei halbes Leid, so will es ein sehr bekanntes Sprichwort wissen. Ist das auch so? Wir müssen das herausfinden! Wir geben also unserem Gesprächspartner ein Stichwort, indem wir zum Beispiel auf unsere eigenen Rückenschmerzen verweisen. Was dann passiert, ist oft erstaunlich. Anstatt sich mitfühlend mir und meinen Rückenschmerzen zuzuwenden, erzählt der Angesprochene seine eigene Leidensgeschichte, und zwar angefangen vom Rücken bis zum Magen, von der Schulter bis zur Hüfte. Werden damit mein Leid und meine Leiden geteilt?

Ich glaube nicht, das Leid wird nicht geringer, sondern nur durch das Erzählen profanisiert. Das Leid wird verdoppelt und sogar bei mir und meinem Gesprächspartner vervielfacht. Abgewogen wird allerdings das Maß des Leids und dies kann die Genugtuung verschaffen, dass man selbst ja noch recht gut dabei weggekommen sei. Auf diese Art und Weise entlastet das Leid der Anderen – auch wenn es als aufgedrängt empfunden sein sollte. Je umfassender so die Kenntnis vom Leid anderer ist, desto entlastender wirkt es sich auf jeden Leidenden aus. Die Gemeinschaft des Leids kann daher im sozialen Kontext den sprichwörtlichen Anspruch erfüllen.

Wirkliches Leid aber ist etwas höchst Privates und kann von niemandem geteilt werden und dies auch dann nicht, wenn es allgemein bekannt ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski