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Rechts-TÜV – rechtliche Unwucht, Rechtszertifizierung, Teil 2

Rechtsbegriffe lassen sich als Argumente begreifen, die einen Raum gestalten, der eine eigene Sphäre hat, aber einen Schlüssel bereithält, das ist das Judiz, das Rechtsgefühl. Dieses scheint aus dem Bauch zu kommen, durchdringt aber unser gesamtes Wesen.

Vermutlich, weil uns das Recht so nahe ist oder zumindest nahe erscheint, würden wir bei einer überfallartigen Befragung, was einem zum Recht so einfiele, vielleicht antworten: Also erst einmal Gesetze, Gericht, Gerechtigkeit, selbstverständlich auch Rechtsanwälte und Richter.

Ein Spaßvogel würde bemerken, dass man ja vor Gott, vor dem Gericht und auf hoher See alleine sei. Das Recht, das uns unmittelbar umgibt, uns einhüllt wie ein Kokon, scheint uns auf eine bestimmte Art fremd, ja sogar lästig zu sein. Um dieses Unwohlgefühl abzuschütteln, bemühen wir uns ungern darum, weiter vorzudringen in diesen uns eigentlich so geläufigen Bereich. Sozusagen der Schlüssel zu diesem Bereich ist das Judiz, das Rechtsgefühlt. Es scheint aus dem Bauch zu kommen, durchdringt aber unser gesamtes Wesen und ist uns seit der Menschwerdung geläufig.

Wir haben gelernt, was richtig und falsch ist. Wir kennen die Interessen anderer und achten darauf, dass auch unsere Interessen bedient werden. Das Judiz, das Wissen um das Richtige, wird aber nicht nur genährt durch ein diffuses Gefühl, sondern ist das Sublimat unserer vernünftigen Einstellung zum Recht, dem Rechtsbewusstsein, der geschichtlichen Erfahrung und der Erwartung, dass andere dies ähnlich sehen.

Die gesellschaftliche Kohärenz lässt uns sicher sein, dass die Abweichungen vom Standard in der Regel nicht so schwerwiegend sind, dass unser Rechtsgefühl versagen muss. Zwingend ist das allerdings nicht, denn in geschichtlichen Epochen wurde das Judiz auf die Probe gestellt bzw. ausgehebelt, in dem durch Umstürze, Diktaturen oder andere willkürliche Eingriffe das bestehende Rechtsgefüge so durchgeschüttelt wurde, dass nicht nur der Einzelne, sondern auch die ganze Gesellschaft nicht mehr wusste, was richtig und falsch ist.

Allerdings ist es nach einiger Zeit wieder gelungen, das Rechtsgefühl mit den Umständen so zu versöhnen, dass das Judiz wieder an Standfestigkeit gewann. Man könnte auch sagen, dass sich das Judiz wieder durchgesetzt hat, weil es eine durchaus konservative Komponente hat. Das Judiz ist erschütterbar, aber kann nicht endgültig eliminiert werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Legerwall

Ein alter Juristensnack lautet: „Vor Gott, vor Gericht und auf hoher See bist du alleine“. Stimmt das wirklich? Vor Gott mag das so sein, sicher aber nicht vor Gericht oder auf hoher See. Bei Gericht stehen Rechtsanwälte ihren Mandanten bei, Gesetze und Regeln schaffen ein hohes Maß an Orientierung und auf hoher See trotzt der Steuermann den widrigen Gefahren.

Schwierigkeiten, Gefahren und Probleme gehören zum Leben. Damit umzugehen muss man in der juristischen Welt, wie auf hoher See lernen. Wenn das Schiff droht, aufgrund der Windverhältnisse an Land gedrückt zu werden und zu zerschellen, ist es eine brenzlige Situation, die in der Seemannssprache mit „Legerwall“ benannt ist. Dank seiner Erfahrung und mit Hilfe des Kompasses steuert der Steuermann dann das Schiff aus der Gefahr in ruhigere Gewässer und in den rettenden Hafen.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, ob auf hoher See oder in den endlosen Weiten des juristischen Meeres. Gott sei Dank ist jeder Mensch auch dort niemals wirklich allein, muss allerdings darauf achten, wem er sich anvertraut.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski