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Zensur

Seit Jahren ist zu beobachten, dass unter anderem im unterstellten Interesse von Kindern, aber auch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, seien diese Schüler oder Studenten, aus Büchern, Schriften, Internet, überhaupt allen Aufzeichnungen all das getilgt wird, was nach angeblich wohlmeinender Auffassung dazu geeignet sein könnte, die angesprochene Klientel geistig und/oder seelisch zu beschädigen. Wokeness, Verletzlichkeit, Kolonialismus, Anmaßung und auch Geschlechterfragen sind dabei einige Stichworte.

Letztlich geht es dabei aber um pure Zensur, Zensur von Schrift, Sprache und Meinungen im wohlmeinenden Sinne. Das will ich insofern aufgreifen, als mich deren Wirkung auf Geschichte, Kultur und die Komplexität des Lebens im Sinne der Ausbildung des Menschen von Anfang an beschäftigt. Wann und wie erfahren wir Menschen, ob etwas richtig oder falsch ist? Wie erfahren wir also die Regeln und die Grenzen unseres eigenen Verhaltens, um zu sehen, was wir dürfen oder nicht dürfen?

Freiheit und Komplexität sind die Stichworte für den von jedem Menschen auszulotenden Lebensraum, in dem er sich zunächst unvorbereitetermaßen aufgrund seiner Geburt bewegen muss. Um diese Kunst aber zu beherrschen, muss ein Mensch alles erfahren, alles abwägen, sei es als eine Botschaft aus der Vergangenheit, als gegenwärtige Herausforderung oder als erwartbare Zukunft. Wenn Angebote zum wohlmeinenden Schutz des Menschen verkürzt und gar entfernt werden, besteht die Gefahr, dass der Mensch im Laufe seines Lebens mit Sachverhalten konfrontiert wird, mit den umzugehen er überhaupt nicht gelernt hat und sie daher auch nicht handhaben kann.

Die Komplexität unserer Kultur fordert aber gerade zur Auseinandersetzung mit allem heraus, was gewesen und gegenwärtig ist und auch künftig möglicherweise sein wird. Wenn wir also Menschen vorenthalten, was ihrer Ausbildung förderlich sein könnte, machen wir meines Erachtens einen großen Fehler und gefährden unsere Schutzbefohlenen, anstatt ihnen nachhaltig zu helfen. Sie werden ihre a priori tabuisierten, aber dennoch sich einstellenden Gedanken nicht mehr einordnen können. Für die sich hieraus ergebenden unheilvollen Konsequenzen und Gefühle bietet die Geschichte umfassendes Anschauungsmaterial.

Wir sollten uns also davor hüten, Geschichte, kulturelle Zusammenhänge und Verhaltensweisen zu kontrollieren und stattdessen Angebote unterbreiten, die es Menschen erlauben, die eigene Erfahrungen und Standpunkte zu überprüfen, zu ändern, zu ergänzen und erweiternd zu lernen, um allen Zumutungen des Lebens gewachsen zu sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vergehende Zukunft

„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran.“ So hieß in einem Lied der Gruppe „Fehlfarben“. Ja, das ist richtig. Geschichte wird gemacht in einem Gestaltungsprozess derjenigen, die in einer bestimmten Zeit unter bestimmten Umständen leben. Sie tragen die Bürde der Vergangenheit und gestalten eine Zukunft, die ihnen selbst trotz aller Prognosen ungewiss ist. Geschichte erscheint in der Nachschau oft sehr faktisch, überprüf- und ausdeutbar. Aufzeichnungen, Quellen und Dokumente erlauben eine Betrachtung, die das Prozessuale der Geschichte erkennen lassen.

Ordnung wirkt beruhigend und auch neue geschichtliche Erkenntnisse lassen sich bei allen unterschiedlichen Sichtweisen zumindest vorläufig stimmig einordnen. Würden man indes Geschichte ihrer Faktizität entkleiden, würde sich ein Chaos offenbaren, für welches wir keine Begrifflichkeiten finden könnten. An geschichtlichen Prozessen ist alles beteiligt, was Umstände und Bedingungen innerhalb und außerhalb des menschlichen Bereichs individuell und kollektiv ausmacht.

Geschichte ist der Moment der Bejahung und Verneinung, die Gunst des Planeten und widriger Umstände. Alles sublimiert sich in der Aneinanderreihung oder Clusterbildung von Momenten, pulsierend noch auch in entferntester Vergangenheit als auch schon in unvorstellbarer Zukunft. Geschichte ist unausweichlich, folgt der Logik seiner Zeit und wird bestimmt von Faktoren, die selbst nur vorläufig sind. Um die etwas kryptische Umschreibung zu verdeutlichen, meine ich, dass wir Einfluss nehmen sollten, aber nur bedingt Einfluss nehmen können auf den Verlauf der Geschichte.

Wir sollten nicht erschrecken vor Entwicklungen, die wir in vertraute Geschichtsbetrachtungen nicht einordnen können. Der technische Fortschritt, Bevölkerungsexplosionen, Klimaveränderungen und Kommunikation. All dies setzt geschichtliche Impulse frei, die uns als Akteure unerwartet handeln lassen müssen. Geschichtliche Muster der Vergangenheit jedenfalls taugen dazu nicht. Das werden über kurz oder lang auch diejenigen spüren, die noch glauben, alte Ordnungen und Herrschaftssysteme seien zukunftstauglich. Alles hat sich geändert und wird sich ändern. Auch wir.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Stolz

Kaum ein Amerikaner hätte ein Problem damit zu bekennen, dass er stolz auf sein Land sei. I´m proud to be an american. Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein? Wie klingt das anders, fremd? Stolz ist weitgehend aus unserem Sprachschatz verbannt. Stolz scheint anzuknüpfen an eine schlimme Vergangenheit Deutschlands, scheint verbunden zu sein mit Überheblichkeit und Ei­gennutz. Im unter­schiedlichen Sprachgebrauch schwingt dies sicherlich auch mit. Stolz hat die Aura des Triumphalen, signalisiert Macht. Wer stolz ist, kann sich dies leisten. Ist damit Stolz das Privileg der Arrivierten? Im Englischen klingt dies anders. Gerade derjenige, der am Rande der amerikani­schen Gesellschaft steht, verkündet so seinen Stolz. Der Stolz ist das, was noch bleibt, wenn der Mensch abgewirtschaftet hat. Der Arme verkündet seinen Stolz. Wenigstens also. Wer hier bekennt, stolz auf sein Land zu sein und nicht der politischen Meinungsfüh­rerschaft Deutschlands angehört, muss dagegen fürchten, für einen verkappten Nazi gehalten zu wer­den. Stolz geht allenfalls im kleinen privaten Raum, zum Beispiel stolz auf seine Kinder zu sein, die das Abitur bestanden haben oder eine Lehr­stelle bekamen. Stolz darauf, Vater zu werden, stolz auf ein Lob oder einen Preis, aber mehr Stolz ist nicht drin. Kann man aber so dem Stolz gerecht werden? Ist wirklich nicht mehr drin oder verstehen wir einfach nicht, stolz zu sein? Woher kommt Stolz? Was sind seine Bestandteile? Bei der Bewusstwerdung geht es nicht um eine etymologi­sche Ableitung, sondern darum, welche Signale Stolz setzt. Stolz ist derjenige, der etwas er­reicht hat. Eine Leistung ist vollbracht, und zwar zunächst eine eigene. Zunächst also ist Stolz sehr per­sönlich, festgemacht an der Fähigkeit, zufrieden mit den eigenen Umständen oder einer Leis­tung zu sein. Dies wiederum hat mit der generellen Selbst­wahrnehmung eines Menschen zu tun. Ich bin es mir selbst wert, dass ich stolz sein kann. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Damit wird auch gleichzeitig signalisiert, dass der würdige Mensch bereit ist, stolz zu sein auf sein eigenes Verhalten, seine Leistungen und das, was er für an­dere tut. Stolz und Würde sind Geschwisterpaare der selben Eltern. Die Würde des Menschen erlaubt diesen Stolz. Der Stolz muss aber nicht persönlich bleiben, sondern aus der Summe des Stolzes jedes einzelnen Menschen formt sich das ganze, und zwar das stolze Wir-Gefühl, abge­leitet von der Erkenntnis, dass nicht nur ich alleine, sondern jeder andere Mensch in einer Gesell­schaft eben­falls viel dazu beiträgt, dass das Werk gelingt, der Gemeinde, den Staat, Europa und Menschen überhaupt die Hilfe zuteil wird, die sie benötigen, aber oft nicht selbst organisieren können. Stolz ist die Bekräftigung des Willens, im Erreichten nicht stehenzubleiben, sondern sich weiter zu engagieren, im persönlichen, privaten Bereich genauso wie in der Gesellschaft. Stolz ist so gese­hen ein wichtiger Beweger der Bürgergesellschaft. Im bin stolz, dieser anzugehören.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski