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Menschengleichheit

Bei allen Unterschieden, die Menschen sind sich erstaunlich ähnlich. In der amerikanischen Verfassung heißt es: „All men are created equal.“ Ähnliche Formulierungen finden sich in vielen Verfassungen der demokratischen Welt. Diese Gleichheit meint die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichheit der Rassen und der Lebenschancen. Ich will hier eine andere Gleichheit ansprechen, und zwar die dem Menschen innewohnende Gleichheit. Trotz unterschiedlich­ster Ausprägung der Charaktere des Menschen und trotz unterschiedlichster Lebensbedingungen ist festzustellen, dass die meisten menschlichen Verhaltensmuster ganz ähnlich funktionieren. Was meine ich damit?

Der Mensch ist auf Anerkennung angewiesen. Von dieser Anerkennung ist jeder Mensch abhängig, ob Kind oder Greis, ob Geschäftsmann oder Sozialhilfeempfänger. Unterschiedlich sind nur die Rituale der Anerkennung, die Möglichkeiten der Selbstorganisation oder des Abwartenmüssens, einer mittelbaren oder unmittelbaren Anerkennung zum Beispiel einer erbrachten Leistung durch den Chef oder eines Buches durch einen großen Leserkreis, durch viele Freunde und Bekannte oder durch ganz wenige, vielleicht nur einen einzigen Menschen. In den sozialen Verschränkungen selbst sind sich alle Menschen einig. Sie sind sich alle gleich.

Die Menschen sind sich auch in ihren Süchten gleich. Unterschiedliche charakterliche Ausprägungen bestimmen die Art und das Maß der Sucht, ändern aber am Grundsatz des Bedürfnisses nichts. Zum Beispiel die Sucht des Menschen nach Belohnung. Sie wird meist durch einen zu kaufenden Gegenstand befriedigt. Die Belohnung folgt aber gelegentlich auch der guten Tat, die ein Mensch vollbringt. Je flüchtiger eine Belohnung ist, umso stärker muss die Frequenz der Belohnungen gesteigert werden. Diese Sucht ist allen Menschen eigen.

Die Menschen unterscheiden sich auch nicht darin, dass sie frei bestimmt nur das tun wollen, was sie selbst für richtig und für sich als nützlich erachten. Um Widerstände zu brechen, werden Menschen eingeschworen auf Armeen, Regierungen oder sonstige Bünde. Damit soll sichergestellt werden, dass der Mensch nicht ausschert, beginnt, seine eigenen Interessen zu verfolgen. Menschlich ist aber das Letztere. Der Mensch wägt ab, ob das Angebot, das er erfährt, sein eigenes Anliegen fördert, ihm Vorteile bringt oder nicht. Das weiß der Anbietende und versucht daher, bei der Anpreisung seines Produktes den Angebotsempfänger zu überlisten, seinen Widerstand zu brechen. Das mag gelingen, wenn das Produkt besonders verführerisch ist, ändert aber nichts an dem diffusen Unbehagen des Angebotsempfängers, der sich seiner Willensfreiheit beraubt sieht. Er will für die Sache gewonnen werden, emotional oder vernünftig. Er will dabei sein, wenn die fremde Sache seine eigene wird. Anders nicht. Auch darin sind sich sämtliche Menschen gleich.

Was folgt daraus? Der Mensch sollte nicht versuchen, den Widerstand des anderen Menschen, sei es durch den klügsten Gedanken oder die sinnvollsten Emotionen, zu brechen, sondern seinem Mitmenschen Gelegenheit geben, Anregungen aufzugreifen, seine Entscheidung eigenverantwortlich zu entwickeln, um dann am Ende dieses Prozesses behaupten zu dürfen: Das habe ich getan. Das habe ich gewollt. Dafür stehe ich. Ich ganz persönlich. Auch in diesem Verlangen nach Souveränität und persönlicher Würde sind sich alle Menschen gleich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski