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Nachhaltige Entwicklung

Der inzwischen eingeleitete Klimawandel hat eine Diskussion darüber eröffnet, wie Unternehmen und Konsumenten ihren Beitrag dazu liefern können, den CO2-Ausstoß zu verringern und dabei einen persönlichen wie auch wirtschaftlichen Beitrag dafür leisten können, die klimatischen Veränderungen zu verlangsamen. Ganz zu stoppen sind sie nicht. Der Appell an Wirtschaftsunternehmen und an Konsumenten gleichermaßen ist moralisch geprägt und zielt darauf ab, dass die Unternehmen unter dem Aspekt von „Corporate Social Responsibility“ und die Einzelnen unter dem Gesichtspunkt der Verantwortung für unsere Welt und deren Zukunft, aber auch unter der Berücksichtigung der bisherigen Verschwendung eigene Opfer erbringen. Dabei kommt der Aspekt der Nachhaltigkeit ins Spiel.

Nachhaltig soll der Verzehr von Lebensmitteln sein. Nachhaltig soll der Umgang mit Energie wirken. Mit anderen Worten: der Mensch soll sparen. Andererseits sollen die Unternehmen bei der Schaffung ihres Produktes auch den Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtigen. Dies sowohl, was die Ressourcen anbetrifft, als auch die Art der Verarbeitung und der Rückgewinnung von Rohstoffen aus verbrauchten Produkten. Es ist gut, dass zu dieser Thematik viel geredet wird. Es gibt auch etliche Kämpfer für die gute Sache sowohl in den Unternehmen als auch in einzelnen Persönlichkeiten, die durch ihre Verhaltensweisen zeigen, dass zumindest etwas für die Verlangsamung des Klimawandels getan werden kann. Skepsis ist aber berechtigt. Denn selbst wenn viele Menschen in westlichen Industriestaaten aufgrund ihrer Einsichtsfähigkeit ihre verschwenderischen Verhaltensweisen reduzieren würden und auch Unternehmen wider bessere ökonomische Einsichten Wachstumskriterien missachteten, bedeutete dies nicht, dass die Klimaentwicklung verändert würde. Andere Menschen aus Ländern wie China oder Indien haben einen enormen Nachholbedarf. Weder ihre Unternehmen noch sie selbst lassen sich aus Gründen der ethischen Verantwortung auf eine Verhaltensänderung ein, sondern es müsste eine ökonomische Überzeugungsarbeit geleistet werden, um Konsumenten und Unternehmen zufriedenzustellen.

Die herzustellende und die durch Unternehmen zu vertreibende Ware hat mehrere immanente Funktionen. Zum einen bedient sie das Belohnungssystem. Der Konsument fühlt sich zumindest vorübergehend wohl, wenn er ein neues Produkt erworben hat, z. B. ein iPad oder ein Auto. Würde das Produkt an ihn künftig nicht mehr ausgeliefert werden, so entstünde ein Defizit, das es auszugleichen gälte. Dieser Ausgleich könnte dadurch geschaffen werden, dass es gelingt, dem Kunden einzureden, er brauche das Produkt überhaupt nicht. Denn er glaube nur, das wertvolle Auto zu benötigen. Tatsächlich könnte er auch aus allen Funktionsgründen mit einem Kleinstwagen zufrieden sein. Eine derartige Veränderung in der Relation Angebot und Nachfrage wäre zwar aus ethischen Gründen akzeptabel, aber vermutlich wirtschaftlich bedenklich.

Alternativ käme in Betracht, einen gesamtwirtschaftlichen Paradigmenwechsel vorzunehmen und andere Bereiche der Daseinsfürsorge derart anzureichern, dass Produkte z. B. aus dem philanthropischen Bereich Produkte aus dem rein wirtschaftlichen Bereich zu ersetzen vermögen. Das ist nicht ausgeschlossen, denn letztlich gilt wirtschaftlich auch das als attraktiv, was die Menschen als für sich notwendig betrachten. Diese Betrachtung folgt stets einem Affektationsinteresse, einem funktionalen Interesse und einem Interesse, das dadurch bestimmt ist, einen Vorsprung erlangt zu haben, sich von anderen Menschen absetzen zu können. Der Mensch ist aufgrund seiner Entwicklung eigennützig, allenfalls auf sein unmittelbares Umfeld und seine Familie bedacht, aber vermag bei entsprechenden Weichenstellungen auch den Fremdnutzen zu stärken, um den Eigennutzen noch besser befriedigen zu können. Die Gestaltung der Attraktivität des Fremdnutzens dürfte daher in der Betrachtung einer nachhaltigen Veränderung unseres Konsumverhaltens eine wichtige, ja entscheidende Rolle spielen. Hierbei ist die Kreativität von Wirtschaftsunternehmen gefordert. Philanthropie und traditionelle Wirtschaft müssen sich gegenseitig beleben und voneinander profitieren. Wirtschaftsunternehmen müssen Produkte entwickeln, die nicht nur unter CSR-Gesichtspunkten, sondern auch aus Gründen wirtschaftlicher Vernunft einen ideellen Profit zulassen. Um eine derartige Entwicklung einzuleiten, wird es erforderlich sein, dass wir uns alle von tradierten Denkmustern befreien. Denkmustern zum Beispiel, die maßgeblich von der Wertschätzung des Eigentums geprägt sind. Artikel 14 des Grundgesetzes hat hier explizit diese Haltung gestärkt, wenn auch mitberücksichtigt, dass Eigentum verpflichtend gegenüber dem Gemeinwohl wirken muss. In der Regel erwirbt der Konsument zu Eigentum. Zu überlegen wäre allerdings, ob Verbraucher künftig nicht eher Besitzer eines Gegenstandes werden und der Gegenwert der überlassenen Ware sich ausschließlich im Nutzungsentgelt niederschlagen sollten. Dies wäre eine Art Mietkauf, den wir als juristisches Instrument auch heute schon kennen. Zu bedenken wäre ferner, ob nicht zusätzlich eine Kopplung herbeigeführt werden könnte, dass der Neuerwerb eines Produktes an die Rückgabe des inzwischen verbrauchten Produktes gebunden würde.

Dies klappte natürlich nicht durchgängig, würde aber verhindern, dass der Warenverkehr stagniert und Menschen mit Gütern belastet sind, die hohe Ineffizienz aufweisen, andererseits aber wieder benötigt werden, um Rohstoffe zu gewinnen oder weiteres Geschäft zu generieren. Firmen wie z. B. reBuy sind gute Beispiele für mehrfache Ressourcenverwertung unter Abkehr von der Einstellung, dass nur endgültige Eigentumssicherung Wohlstand und Zufriedenheit verspricht. Nachhaltige Entwicklungen können wir durch Verhaltensüberprüfungen und maßvolle Schritte in die richtige Richtung einleiten. Als Beschwörungsformel hat sich der Begriff „Nachhaltigkeit“ bereits abgenutzt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Volksabstimmung

Protest, Bürgerbegehren, Demonstration, Volksabstimmung. Ist eine neue Zeit angebrochen? Schaut man auf Stuttgart 21, den Bau der Autobahn A 100 oder den Flughafen Tempelhof: Es scheint so, als ob der Souverän erwacht und der Bürger verlangt, an den Entscheidungsfindungsprozessen der Staatslenkung beteiligt zu sein. Die Administration kann nicht mehr schalten und walten, wie sie will. Einige Politiker versuchen, auf den Zug aufzuspringen. Sie vermitteln zumindest den Eindruck, als hätten sie Kreide gefressen. Andere sind erschrocken und beschwören, dass man den Anfängen wehren müsse, denn anderenfalls drohe die direkte Demokratie. Die direkte Demokratie, das will wohl keiner. Der Bürger aber will informiert werden, mitwirken an grundlegenden Entscheidungen unserer Gesellschaft und die Auswirkungen staatlichen Handelns korrigieren. Dafür steht ihm der öffentliche Druck, das mediale Aufgebot zur Verfügung, daneben der moralische oder ethische Druck, der insbesondere durch Sachverständige und Bürgereliten ausgeübt wird. Der Bürger ist auf Augenhöhe mit den Funktionsträgern der Politik und der Administration, da diese in der Regel nicht mehr wissen als der Bürger selbst, aber in unserem Staat Entscheidungsgewalt haben. Auch die Politiker nutzen die öffentliche Macht der Medien, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Der Wettbewerb im öffentlichen Raum ist legitim, dient aber nur der Vorbereitung einer Entscheidungsfindung. Die meisten Entscheidungen werden in den politischen Gremien und von den Organen des Staates getroffen. Der Bürger kann indes wohl auch ein Volksbegehren, eine Volksabstimmung, einen Moment plebiszitärer Demokratie erzwingen.

Für Stuttgart 21 wird dies gefordert und beim Flughafen Tempelhof hat ein solches Plebiszit stattgefunden. Mehrheitlich waren die Berliner nicht für die Offenhaltung des Flughafens Tempelhof. Die Berliner? Zumindest der Flughafen Tempelhof war auch ein nationaler Flughafen, der von Passagieren aus dem Rheinland und aus Süddeutschland ebenso frequentiert wurde, wie von den Berlinern und den Bewohnern umliegender Gemeinden. Die Brandenburger als unmittelbare Anrainer wurden nicht befragt, geschweige denn die Bürger im Rest dieser Nation. Wie wäre es dann im Falle einer Volksabstimmung über Stuttgart 21? Der Stuttgarter Hauptbahnhof wird auch zu einem großen Teil von Fahrgästen aus anderen Bundesländern angefahren, zudem von Ausländern ganz Europas und der Welt. Genügt es dann, Volksabstimmungen nur als ein lokales Ereignis zu betrachten? Ist es legitim, allein die Stuttgarter oder die Bürger Baden-Württembergs in die Abstimmung mit einzubeziehen? Und was ist mit den Demonstranten, die von überall her aus ganz Deutschland gekommen sind, gekämpft und ausgeharrt haben, um dann allein den Stuttgartern das Feld überlassen zu müssen? Was passiert, wenn die engagierten Bürger aus ganz Deutschland ggf. mit ansehen müssten, dass ihre Initiative am Staatsvertrauen der Schwaben scheitert? Wir müssen für nationale und supranationale grundlegende Anliegen, bei denen der Bund auch erhebliche Mittel bereitstellt, neu über die Legitimation staatlichen Handelns und den Umfang der Bürgerbeteiligung nachdenken. Ein solches Bürgerbegehren müsste naheliegenderweise den Beteiligungscharakter der Bürger neu formieren und ggf. überregional angeregt werden. Mithilfe der modernen Medien, insbesondere des Internets, stünde einer solchen Bürgerverabredung auf tatsächlicher Grundlage nichts entgegen. Die rechtliche Verbindlichkeit dürfte allerdings umstritten sein. Und dies zu Recht, denn ein Meinungsbild stellt noch keine rechtliche und politische Handlungsgrundlage dar. Wichtig wäre daher der Selbstbindungscharakter von Politik nach einem entsprechenden Bürgervotum. Nur aus übergeordneten staatlichen und rechtlichen Gründen müssen die gewählten Vertreter des Bürgers weiterhin die Möglichkeit und das Recht haben, autonome Entscheidungen zu treffen. Dies müssten sie allerdings gegenüber dem Bürger auch verantworten, bei nachhaltiger Missachtung des Bürgerwillens sollten Sanktionen eingebaut werden, wie zum Beispiel die Möglichkeit, eine Schiedsstelle anzurufen, den Vorgang der verfassungsrechtlichen Überprüfung zuzuleiten, Neuwahlen herbeizuführen und finanzielle Mittel einzufrieren. Ziel dieses Appells ist es, Utopien zu formulieren, um zu neuen Handlungsoptionen zu gelangen. Ganz sicher muss nicht immer alles bleiben, wie es ist und bisher gehandhabt wurde.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Finanzfolgenkrise

Die Finanzkrise als Chance. Nur auf den ersten Blick ein scheinbar verwegener Gedanke. Die den Staat dressierenden Politiker waren bis zur Finanzkrise gehalten, nicht nur die Maastrichter Stabilitätskriterien zu beachten, sondern auch dafür zu sorgen, dass die Finanzwirtschaft als Schlüsselbereich der Wirtschaft möglichst unangetastet bleibt. Die Finanzkrise bot erstmalig die Gelegenheit, direkt in die Unternehmenssteuerung von Finanzdienstleistern und Banken einzugreifen und sie um den Preis ihrer Abhängigkeit vom politischen Handeln mit Geld zu versorgen. Viele Kreditinstitute haben von diesem Angebot Gebrauch gemacht. Die Tür wurde weit aufgestoßen und steht nach wie vor weit offen.

Ohne ideologischen Überbau konnte die Politik nunmehr staatsmonopolistische Kapitalstrukturen auf den Finanzmärkten etablieren und die Anschauung dafür liefern, dass auch künftige Absetzbewegungen von Unternehmen und Kreditinstituten mit Regulierungsmaßnahmen beantwortet werden. Der Staat gibt das Geld und kontrolliert dessen Verwendung. Im Prinzip richtig. Nur setzt der Staat in verdeckter Komplizenschaft seinerseits auf die Finanzinstitute, um die gigantische nominale Verschuldung zumindest auf Zeit abzufedern. Bricht das Weltwährungssystem zusammen, ist jeder dran. Dies wissen alle Beteiligten, bis auf den Bürger selbst. Eine demokratische Umwälzung in China verbunden zum Beispiel mit der Revision der bisherigen, staatlich verlässlichen Geldpolitik würde sofort eine Inflation auslösen mit den für die Welt unabsehbaren Folgen. Aus dem Euro würde Spielgeld. Die Angst sitzt tief, nur ist es Plan oder Zufall? Die Finanzkrise hat auf Dauer die Welt nachhaltig undemokratisch verändert.

Die staatliche Einmischung durch Bürgschaften an strauchelnde Banken und direkte Kredite sowie Kauf- und Leistungsanreize durch Verschrottungsprämien verkünden Zuversicht in die Fähigkeit der deutschen Wirtschaft, Krisen zu meistern, hinterlassen aber beim Bürger den kaum mehr zu korrigierenden Eindruck, einem übermächtigen Staat ausgeliefert zu sein. Die Folge ist Apathie und Gleichgültigkeit. Von Volksherrschaft kann keine Rede mehr sein, sondern das Volk wird beherrscht durch die scheinbaren Ermächtigungen der jeweiligen Umstände und durch die Fähigkeit des Staates, ohne signifikanten Einfluss der Mehrheit unserer Bevölkerung Schwierigkeiten autark zu lösen. Der Bürger wird nicht mehr gebraucht. Er kennt seine desolate Lage und sorgt selbst für Abhilfe, wie sie in dem Protest gegen Stuttgart 21 oder die Castortransporte zum Ausdruck kommt. Die Lunte ist gelegt, das Streichholz entflammt und es steht zu befürchten, dass der große Knall nicht auf sich warten lässt. Stuttgart 21 und Castortransporte sind legale Unternehmungen. Daran besteht nicht der geringste Zweifel. Sind sie aber auch legitim, und zwar legitim im Sinne einer grundsätzlichen Verabredung zwischen Bürger und Staat? Daran habe ich meine Zweifel. Die Bürger und ihre gewachsene Elite werden am Entscheidungsprozess nicht angemessen beteiligt. Vollendete Tatsachen ersetzen den Dialog und verschleiern die wahren Verhältnisse zwischen Bürger und Staat. Der Bürger ist der Souverän und muss auch jenseits von Wahlen gefordert werden, sich einzubringen. Hat er die Chance gehabt, seine Argumente auf den Tisch zu legen, und ist der Richtungsvertrag zwischen Bürger und Staat unterzeichnet, dann mag er umgesetzt werden und keiner kann sich später auf die mangelnde Bürgerbeteiligung berufen. Wir brauchen beide: den mündigen Bürger, der gehört wird und denjenigen, der für den Staat handelt, und zwar in einer ständigen Verantwortung gegenüber dem Bürger und seinem Anliegen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Aufgedrängte Bereicherung

Nach den Wortbestandteilen aus dem Setzkasten eines Juristen liegt eine ungerechtfertigte Bereicherung dann vor, wenn jemand etwas hat, was ihm nicht zusteht. Derjenige, dem es zusteht, hat gegenüber dem Bereicherten einen Anspruch auf Rückgabe. Dieses gedankliche Modell geht davon aus, dass derjenige, der bereichert ist, dem Entreicherten etwas weggenommen hat und deshalb wieder zur Rückgabe verpflichtet ist. Komplizierter liegen die Dinge aber dann, wenn derjenige, der bereichert ist, gar keine Anstrengung unternommen hat, in den Besitz des Gegenstandes zu geraten, sondern ohne eigenes Zutun nicht umhin konnte, den Gegenstand anzunehmen. Hier spricht der Jurist in seiner ab­strakten Fallsprache von aufgedrängter Bereicherung und knüpft an die Rückführung des Bereicherungsgegenstandes bzw. den Ausgleich des dadurch gestörten Verhältnisses zwischen dem Entreicherten und dem Bereicherten bestimmte Bedingungen. Jenseits der rein juristischen Betrachtungsweise spielen Bereicherungsvorgänge in unserem real fassbaren menschlichen Leben auch eine große Rolle. Wir Menschen fühlen uns bereichert durch die Zuwendung anderer Menschen, die wir über Kunst, Kultur, materiell und durch Liebe erfahren. In der Regel sind dies Zuwendungen, die wir meist gern annehmen, einer bestimmten Erwartungshaltung entsprechend und nur im begrenzten Maße ausgleichspflichtig. Jedenfalls ist diese Ausgleichspflicht kalkulierbar. Wie verhält es sich aber mit der aufgedrängten Bereicherung?

Also einer Bereicherung, um die wir gar nicht gebeten haben, eine solche, die uns angedient wurde, ob wir sie wollten oder nicht? Eine solche Bereicherung würde nicht mit unserer Erwartungshaltung korrespondieren, sondern entspräche nur dem Impetus des Andienenden, der seine Dienste zur Verfügung stellt, auch wenn wir darum nicht gebeten haben. Ein Beispiel: Das Ehrenamt ist eine schöne Einrichtung. Menschen, die mehr zu geben haben und mehr geben wollen als andere, engagieren sich als Zuwendungsgeber. Sie erkunden die Möglichkeit, sich einzubringen, und analysieren den Förderbedarf. Dabei lassen sie sich leiten von der Objektivität ihres Handelns, ihrer persönlichen Opferbereitschaft und der Anerkennung ihres Tuns. Wenn alles im Einklang ist, wenden sie sich dem Destinatär des Ehrenamtes zu. In den meisten Fällen entspricht die Erwartungshaltung des Destinatärs der Einsatzbereitschaft des ihm Ehrenamt Gebenden. Was ist aber dann, wenn ein Bedarf nicht besteht oder der potenzielle Destinatär um Zuwendung gar nicht gebeten hat, sie sogar überhaupt nicht will? Dann ist ein Fall der aufgedrängten Bereicherung gegeben, was denjenigen ins Unrecht setzt, der wohlmeinend das Gute tun will. Dort, wo das Ehrenamt zum Selbstzweck der Handelnden erstarrt und sich nicht an der Nachfrage der Bedürftigkeit orientiert, entwertet es sich selbst. Das ins Leere laufende Amt frustriert die Gebenden und ängstigt die vermeintlichen Zielgruppen angesichts der Last der ihnen aufgedrängten Bereicherung. Die im Ehrenamt Handelnden sollten daher stets die Nachfrage bedenken, Sehnsüchte befriedigen, die der Destinatär vermittelt hat, und erst zweiter Linie die eigenen nach Anerkennung und Bestätigung. Diese sind natürlich wichtig für jegliche Motivation des Gebenden, aber letztlich nicht ausschlaggebend für die Bereitschaft, sich für andere Menschen einzusetzen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

BVG Kindertag am 14.09.2013

Liebe Freunde,

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski auf dem BVG Kindertag 20123

Viva Famailia auf dem BVG Kindertag 2013. Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

von unserer Teilnahme mit Viva Familia! am BVG Kindertag möchte ich mit großer Freude berichten. Das Wetter war einfach groß­artig. Familien aus allen Bezirken Berlins hatten sich in den Tier­park aufgemacht, um dort bei wunderschönem Wetter zusammen mit ihren Kindern den Tag zu genießen. Dieser Enthusiasmus übertrug sich auch auf uns und so waren wir – Frau Kotulla, Frau Dr. Renn von unserem Filina-Projekt, die Freunde Heppener und Dr. Tassinopoulos von unserem Rotary Club Berlin-Humboldt sowie der Unterzeichnende in der Lage, mit den Kindern und ihren Eltern zu feiern und dabei auch Eltern und Großeltern zu motivie­ren, gemeinsam mit ihren Kindern an einem Liederquizz teilzu­nehmen und zu singen. Es war erstaunlich. Welch ein Jauchzen, Singen, Trillilieren … . Manche nahmen die Gelegenheit wahr, sich einmal richtig auszuprobieren, andere entdeckten fast zum ersten Mal für sich diese Möglichkeit und alle versprachen, fleißig zu üben, damit es im nächsten Jahr noch besser klappt. Die Kinder waren begeistert, standen geduldig in einer langen Schlange an, um dranzukommen und erhielten als Belohnung nach der Bewältigung von drei Aufgaben eine Tasche, die uns die Deutsche Bank bzw. Premium Fashion zur Verfügung gestellt haben, gefüllt mit Gummi­bärchen, einem Eisbären von der GASAG, kleinen Büchern und Schlüsselanhängern von der Deutschen Bank sowie unserem Liederheft.

Unseren Sponsoren von Herzen auch im Namen der Kinder und Eltern ein großes Dankeschön! Danke auch der BVG und seinem Finanzvorstand Herrn Falk dafür, dass er uns die Teilnahme am Kindertag er­möglicht hat. Danke allen Mitwirkenden, insbesondere Frau Kotulla für die Vorbereitung der Spiele und die umsichtige Organisation des Events. Über 300 Kinder konnten wir so beschenken und mit min­destens genauso vielen Eltern und Großeltern in Kontakt treten, im Übri­gen auch denjenigen, die aus Russland, Polen und Vietnam stamm­ten und ebenfalls große Freude am Singen von Liedern in deutscher Sprache hatten.

So, nun zum Schluss noch ein ganz persönlicher Eindruck: Zwei geistig behinderte Kinder sangen mit ernsthaften Gesichtern, sangen voll Inbrunst und bestanden ge­genüber ihren Betreuern darauf, dass sie ohne Hilfe dazu in der Lage seien. Sie machten das einfach wunderbar. Ich war mächtig stolz auf sie.

Viva Familia! hat sich bewährt, wir sind auf gutem Wege, auch weitere Familien, Paten, Organisationen und Familienzentren für die Zusammenarbeit mit uns zu begeistern.

Mit herzlichen Grüßen

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Legitimität

Bei unseren Betrachtungen müssen wir unterstellen, dass der Staat und seine Einrichtungen, aber auch supranationale, vertraglich begründete Zusammenschlüsse wie die EU, nicht eklatant rechtswidrig handeln, denn dann wären nicht nur die Gerichte zuständig, sondern auch bürgerlicher Widerstand geboten und zu rechtfertigen.

Wir müssen also bei unseren Betrachtungen eine am Recht orientierte Verhaltensweise der die Macht ausübenden Organe zugrunde legen. Die Frage ist aber, ob Rechtsausübung per se legitim ist? Gerade in Europa erleben wir, dass finanzielle Rettungsschirme für strauchelnde Partner der EU aufgespannt werden, ohne dass das Europäische Parlament und/oder nationale Volksrepräsentanten in die Entscheidung mit einbezogen werden. Das Erstaunliche an diesem Prozess ist aber, dass die dazu notwendigen Vereinbarungen durch gouvernementale Vereinbarungen zustande kommen, d. h. die Regierungen der jeweiligen Staaten sich hierüber verständigen, andererseits die Lasten dieser Vereinbarungen bei Staat und Gesellschaft abgeliefert werden. Möglicherweise müssen Steuern erhoben werden, um diese europäische Last zu schultern, möglicherweise zerfällt das Währungssystem oder andere staatliche Prioritäten müssen bei der Daseinsvorsorge gesetzt werden. Jedenfalls sind die Auswirkungen derartiger Vereinbarungen enorm. Dies alles ohne Beteiligung der Parlamente, geschweige denn der Bürger. Scheitert das Projekt, haftet aber der Bürger. Müssen wir nicht darin ein sehr problematisches Changieren in der Rechtsmoral sehen?

Einerseits wird die gesellschaftliche Akzeptanz nicht nachgefragt, andererseits ist die Gesellschaft leidtragend, wenn das Experiment schief geht. Man könnte dagegenhalten, dass die Regierungen, die derartige Vereinbarungen schließen, ja gewählt worden seien. Das ist sicher richtig und unter diesem Aspekt ist deren Vorgehen womöglich auch legal. Legitimität allerdings bedeutet, dass ein sicherer Weg gegangen werden muss, der auch die nachhaltige Akzeptanz nicht nur des politischen, sondern auch des rechtlichen Vorgehens herbeiführt. Es erscheint mir nicht legitim, in die grundsätzlichen Gestaltungsrechte der Bürger und ihrer Nachkommen einzugreifen, indem die essenziellen Gestaltungsformen unseres Zusammenlebens alleine von Regierungen und Kommissionen übernommen werden, d. h. die Gestaltung Europas, seiner Wirtschafts- und Währungsunion. Das ist Sache der Bürger Europas, ihrer nationalen Repräsentanten und auch jedes einzelnen Bürgers bis ins tiefe Land hinein. Europa ohne gesellschaftliche Akzeptanz wird nicht lebensfähig sein. Dass, was für Europa gilt, gilt heute für alle gesellschaftlichen Belange bis hin zu Stuttgart 21.

Der Bürger muss erkennen, dass Zukunftsentwürfe etwas bringen, nachhaltig wirken und nicht nur Produkte von Regierungen und/oder der vierten Gewalt sind. Die Zustimmung des Bürgers, welche für Legitimität staatlichen Handelns unumgänglich ist, kann vielfältig eingeholt werden. Zum einen natürlich durch Bürgerbefragungen, zum anderen aber auch durch Diskussionsprozesse, die in einer medialen Verständigung enden. Die repräsentative Demokratie ist unerlässlich. Eine über die „vierte Gewalt“ steuerbare direkte Demokratie mit fortlaufender Bürgerpartizipation wäre lähmend und würde kontinuierlichen Entwicklungen, die nachhaltig wirken sollen, keine Chance geben. Aber an der Fertigung von Politikentwürfen und bei der Klärung grundlegender Fragen unserer Gesellschaft muss der Bürger beteiligt sein, um die gesellschaftliche Akzeptanz und damit die Legitimität staatlichen und supranationalen Handelns zu gewährleisten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Tod

In der Regel ist es im Leben so: Ein Mensch verschwindet und taucht dann wieder auf. Selbst wenn er nicht wieder auftaucht, bleibt das Gefühl, dass es dennoch sein könnte. Der vermisste Mensch wird vergessen, verdrängt oder herbeigesehnt. In jedem Fall bleibt er mit seiner Möglichkeit, doch wieder aufzutauchen, gegenwärtig. Mit ihm können wir noch rechnen. Mit dem, der gestorben ist, können wir aber nicht mehr rechnen. Es ist vorbei. Und zwar endgültig. Gerade war da noch ein Wort, eine Gebärde, eine Zuversicht und dann: aus. Alles hat aufgehört. Der Tote kann in der Realität für nichts mehr herangezogen werden, zahlt keine Steuern mehr, weder arbeitet er, noch geht er seinen Hobbys nach. Keine Feier, kein Glas Wein, keine Zigarette. Es ist vorbei. Wir sind von der Kommunikation mit ihm abgeschnitten. Ein Lächeln ist sinnlos, ein Kuss, ein Händedruck. Wann hatten wir das letzte Mal Sex miteinander? Das war doch erst gestern?

Noch spüre ich ihn, als sei er vor die Tür getreten, als müsste er jeden Augenblick wieder den Raum betreten. Er kommt nicht. Sie kommt nicht. Es ist vorbei. Vielleicht bleibt das letzte Wort, ein Lächeln, ein Streit, das letzte gemeinsame Essen, von dem niemand gedacht hat, dass es das letzte sei. Ein Glas Wein, eine gemeinsam gerauchte Zigarette. Die letzten Momente bleiben in der Erinnerung dramatisch, eine Zeit lang, dann zerfließt alles, wird unscheinbar. Vielleicht. Es ist unwiederbringlich vorbei. Wir wenden uns anderen Menschen zu. Werden uns unserer Endlichkeit bewusst. „Mensch, werde wesentlich“, so hat mir mein Vater gesagt. Das sei ein sehr guter Merkspruch. Das Leben ist zu Ende, der Tod ist so besiegelnd. Selbst ein Leben nach dem Tode ändert daran nichts. Es gibt ja Mahnungen, zu leben als ob man stürbe. Der Tod als Bedrohung? Nein! Eher als Ermunterung, intensiv zu leben mit der Gewissheit, dass der Tod für alle Beteiligten endgültig ist. Das dürfte schön sein, auch im letzten Moment auf ein erfülltes Leben zurückzublicken und diese Gewissheit anderen mitzuteilen. Für die, die bleiben und erst später dran sind, dürfte diese Gewissheit sogar Zuversicht bedeuten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schreiben ist meine Profession

Das Schreiben ist meine Profession. Wenn sich die Bilder formen, die Worte sich dazu finden und kleine oder große Geschichten entstehen – nach all denm Jahren noch immer ein erhebendes Gefühl. In den letzten Monaten entstanden so ganz neue und dennoch schon vertraute Figuren, die es ab jetzt im Buchhandel zu erwerben gibt. Für Kinder, und dann eben doch wieder für Erwachsene, ist „Lina, die hilfsbedürftige Ende“. Sie zeigt einem, dass nicht jeder Tag gemein, sondern jeder Tag eine neue Chance ist. „Freddy Gummiband“ tritt ganz plötzlich auf, keiner weiß eigentlich genau, woher er kam. Freddy – das ist ein Freund, der einem hilft, seinen Weg zu finden. Den Weg gefunden im Leben hat auch „Erwin, die Seerobbe“. Auf Robben Island geboren, landete er bei Tierschützern, erlebte allerlei Abenteuerliches und kann verschiedene Sprachen sprechen. Vom Bösen – und wie uns selbst das Böse helfen kann, sich selbst zu wiederlegen – davon handelt „Stunde Null“ – ein Apell, niemals mehr die Gräueltaten der 30er- und 40er-Jahre zurückkommen zu lassen. Und schließlich in „Traumtapete“ finden sich wunderbare Geschichten und Erzählungen, die an frühe Kindheitstage erinnern.

Viel Spaß beim Entdecken – nicht nur den jungen Lesern seien die Lektüren ans Herz gelegt.

 Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Eltern/Kind-Bildung: Viva Familia – eine Initiative der Ruck – Stiftung des Aufbruchs

Ein Ruck soll durch Deutschland gehen! Das forderte Altbundespräsident Roman Herzog in seiner berühmten Adlon-Rede 1997. Wir haben hier ergänzt: … durch unsere ganze Gesellschaft… Diesen Ruck müssen wir Bürger uns selbst geben und dürfen nicht darauf warten, dass andere dies tun. Aber, was soll nun dieser Ruck bewirken und wie wird er ausgelöst? Um festgefahrene Strukturen aufzubrechen, sind neue Sichtweisen auf bekannte Probleme erforderlich. So wie der Blick durch ein Kaleidoskop für Kinder immer Neues entsteht lässt, wenn wir das Sehrohr drehen, obwohl der Gegenstand der Betrachtung immer der gleiche bleibt, können wir unsere Möglichkeiten durch neue Sichtweisen erweitern. Der Ruck macht ein bürgerliches Selbstbewusstsein erfahrbar, das sich nicht nur am Wahltag äußert, sondern aktiv die Subsidiarität staatlichen Handels einfordert auf allen Gebieten, die der Bürger selbst gestalten kann.

Jedes Leben eines Menschen beginnt mit seiner Geburt in die Familie. Deshalb haben wir uns bei der Ruck-Stiftung zunächst auf das Projekt Viva Familia! konzentriert. Viva Familia! trägt zur Umsetzung des Bildungsgedankens in der Familie bei. Familienbildung funktioniert nur dann, wenn auch die Eltern gebildet sind. Die Elternbildung bewirkt wiederum die Kinderbildung. Bildung von Anfang an heißt also, die Eltern in die Lage zu versetzen, ihre Kinder dabei zu unterstützen, die Bildungsangebote der Gesellschaft anzunehmen. Wie soll das geschehen? Durch eine Fülle unterschiedlicher Maßnahmen u. a. durch Singen und Erzählen von Familien- sowie Fantasiegeschichten durch die Eltern und andere Bezugspersonen in der Familie, zum Beispiel die Großeltern. Das ist wirkungsvoll, denn durch diese Form der Zuwendung werden die familiäre Bindung und das Grundvertrauen des Kindes und das Zusammengehörigkeitsgefühl mit anderen Menschen gestärkt und somit eine Basis für eine problemlosere Eingliederung des Kindes in unsere Gesellschaft geschaffen. Die Eltern machen durch Singen und Erzählen die Erfahrung ihrer eigenen Bildungszuständigkeit bei der Erziehung ihres Kindes, verstärken ihr eigenes Sprachvermögen und schaffen so auch wesentliche Voraussetzungen für ein besseres Sprachvermögen ihrer Kinder. Durch das Erzählen von familiären Geschichten festigen sie soziale Bindungen und gestalten zudem die Grundlage für einen in der Geschichte verwurzelten Lebensweg ihres Kindes. Eigentlich Selbstverständlichkeiten, die allerdings in unserer Gesellschaft weithin nicht mehr geläufig sind. Viva Familia! vermittelt daher diese familiäre und gesellschaftliche „Win-win-Situation“ durch die Einrichtung von Eltern-Sing- und Erzählkursen und ergänzende Elternpatenschulungen in sozialen Hilfeeinrichtungen, Familienzentren und Geburtsvorbereitungsstationen und Bereitstellung der für Kursleiter, Liederbücher und Klangkörper erforderlichen finanziellen Mittel.

Das Leben eines jeden einzelnen Menschen ist eine lange wunderbare Veranstaltung, wo es darum geht, sich zu bewähren, auszubilden, Neues zu erfahren und immer wieder Impulse für Entwicklungen zu setzen. Alle, auch ältere Menschen, haben die Möglichkeit, an dieser Erfahrung teilzuhaben, indem sie wieder junge Menschen an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, aus ihrem Leben erzählen und dazu anstiften, dass das Erfahrene wieder weitererzählt wird. So wird in dem ersten Schritt der Vermittlung von Singen und Erzählen durch die Eltern und das Kind eine Bewegung geschaffen, die sich durch das gesamte Menschenleben fortsetzt, dadurch unser eigenes Leben und das Leben aller Bürger in dieser Gesellschaft bereichert und die Menschen – ob jung oder alt – zusammenführt. So übernimmt der mündige Bürger von Anfang an Verantwortung für sich, seine Kinder und andere Menschen – zu unser aller Wohl für ein selbstbestimmtes Leben.

Mehr ist auf der Hompage der Stiftung www.ruck-stiftung.de zu erfahren.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wer wagt, gewinnt!

Wer wagt, gewinnt! Wir müssen grenzenlos spinnen, um aus der Vielfalt der Gedanken und Empfindungen Verwertbares zu gewinnen, daraus Neues entwickeln, um das  so Geschaffene wieder normativ zu ordnen. Wer grenzenlos denkt, ist beileibe kein Ha­sardeur, sondern ein Rea­list, der seine Möglichkeiten nicht beschränkt, sondern seine Potentiale optimal ausschöpft. Jeder, der im Geschäftsleben „seine Frau“ oder „seinen Mann“ steht, weiß, dass ohne Integrität, Wa­gemut, Zutrauen an die eigenen Fähigkeiten und Verantwortungsbe­wusstsein nichts läuft. Zocker und Zauderer kommen nicht sehr weit. Sie verheddern sich im Gewirr ihrer Ansprüche und Ab­wehrstrategien, was sich auch als eine große Belastung unserer Gesellschaft darstellt. Unser Leben hat sich zwar nicht grundsätzlich in diesem Jahrhundert verändert, aber es entwickelt sich viel rasanter und dynamischer weiter als wir dies früher geglaubt und erwartet haben.

Dies geschieht einerseits durch äußere Einflüsse, wie sie sich am Beispiel der IT-Technologie abzeichnen, andererseits aber auch durch eine zunehmend persönliche Bereitschaft, neue Wege zur Gestaltung unserer Zukunft zu wagen. Offen und frei für Neues zu sein bedeutet, nicht nur eine Sicht auf die Dinge zu behaupten, sondern die eigenen im Zusammenspiel mit öffentlichen wahrzunehmen. Die Formung des „Wir-Ichs“ ist ein Prozess, der wachsen­den Einfluss auf unsere ganze Gesellschaft gewinnt, denken wir zum Beispiel an „Liquid Democ­racy“ oder Gesellschaftsphänomene wie Facebook. Dabei ist festzustellen, dass jeder Ein­zelne von uns als Individuum wahrnehmbar bleiben möchte, aber auch Wert darauf legt, bei der Entwicklung unserer Gesellschaft mitzusprechen, gestaltend dabei zu sein. Das gilt nicht nur für die technischen Heraus­forderungen, sondern auch für die Veränderungen im Bereich der Warenproduktion und des Dienstleistungs- und Sozialbereichs. Dabei ist zu erkennen, dass bestimmte Produkte im konven­tionellen Warenbereich von Arbeitnehmern auch in anderen Ländern vielleicht sogar besser und effektiver hergestellt wer­den können. Wir sind dagegen womöglich in der Lage, Produkte im Bildungs-, Dienstleistungs- und Sozialbereich weitaus effektiver zu konzipieren und zu gestalten. Die Bedeutung dieser Bereich für die Zukunft unserer Gesellschaft zeichnet sich ab, ist aber noch längst nicht definiert. Dabei hat das Wert, was wir Menschen als wertvoll erachten. Ob dies ein Gemälde von Picasso ist oder das Produkt Pflege­dienst für ältere Menschen, das Bil­dungsangebot im frühkindlichen Bereich oder gar die Entwicklung unserer Städte und Social Communities, insbesondere unter Integrationsgesichtspunkten. Völlig neue Produkte warten dar­auf, dass wir sie entdecken, ihnen Form geben und für ihre Realisie­rung sorgen, wobei als In­strumentarien der Umsetzung nicht nur die herkömmlichen Stiftungen zur Verfü­gung stehen, sondern alle Unternehmenseinsatzformen mit dem Versprechen sozialer und auch finanzieller Renditen. In unserer Gesellschaft gilt beständig der Satz: Was nichts kostet, ist nichts wert. Deshalb müssen in der Umsetzungsphase dieser Produkte Rekompensationsprozesse abge­bildet werden, die dem Anspruch des Einzelnen auf Anerkennung seines Einsatzes dauerhaft Rechnung tragen.

Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben. Oder anders gesagt, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Es liegt an jedem von uns, schon heute alle Möglichkeiten zu visionieren, damit wir uns beizeiten  mit anderen konkur­rierend und ergänzend zur klassischen Warenproduktion mit unseren Fähigkeiten einbringen können, selbstverständlich dabei auch profitieren von unseren bisherigen im herkömmlichen Wirtschaftsverkehr gewonnenen Erfah­rungen.

Um uns auf den Weg zu machen zu neuen Herausforderungen und diese Ziele, soweit wir sie für lohnenswert erachten – auch zu erreichen – benötigen wir die Weitsicht von Men­schen, die ihr Herz in den Ring werfen, mit Sachverstand und Wagemut ihre Kompetenzen zur Verfügung stellen, um für unsere Gesellschaft neue wirtschaftliche und ideelle Gestaltungsräume in den wichtigen Berei­chen der Daseinsvorsorge und Fürsorge zu öffnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski