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Religion

Religion sei Opium für das Volk, meinte Karl Marx. In Scharen laufen der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland die Gläubigen davon. Die Kirchen geraten hierdurch in finanzielle Bedrängnis, stellen sich aber auch die Frage, ob ihre geistliche Betreuung noch zeitgemäß und nachgefragt ist.

Was passiert? Werden die Menschen spirituell abstinent? Das kann ich mir nicht vorstellen. Eher habe ich den Eindruck, dass die Kirche nicht mehr leisten kann oder leisten will, was sie verspricht. Glaube ist nicht Opium und kein Hokuspokus. Der Glaube als spirituelles Bindeglied ist nicht individuell, sondern kollektiv und bestätigt so auch verantwortlich den Sinn des Lebens jedes einzelnen Menschen mit anderen Menschen, der Natur und letztlich der ganzen Welt.

Wenn diese ans Religiöse gebundene Selbstvergewisserung erodiert, fressen die Zweifel nicht nur an der menschlichen Existenz, sondern allen Sinn des Lebens. Wahrheit ist in Bezug auf Religion völlig belanglos. Es geht um Bekenntnisse und Haltung, die zeitadäquat einen Sinn der Gemeinschaft bekräftigt, die Halt, Zuversicht und Freude bieten kann. Nicht die Religion ist Motor unseres Handelns, sondern wir nutzen religiöse Fähigkeiten, um unsere gesellschaftlichen Aufgaben zu bewältigen.

Deshalb sind Religion, unsere Symbole und Kirchen unverzichtbar für unsere Gemeinschaft, ob diese nun christlich, jüdisch, islamisch, hinduistisch oder buddhistisch sei. Auch diejenigen, die ihre Religion an einer aufklärenden Natur oder anderen Umständen festmachen, sind nicht weniger wichtig, soweit sie den Zusammenhalt einer verantwortungsbewussten Gesellschaft bestätigen.

Religionen, die auf Abgrenzung und Gegnerschaft aufbauen und Machtansprüche erheben, können keine Zukunftsmodelle liefern und werden scheitern, sei es an den Menschen, die sich abwenden oder am inneren Widerspruch zu den Stiftern aller Religionen. Wir müssen uns nichts vormachen. Ohne uns Menschen gibt es keine Religion. Es liegt also an uns, ob und wie wir für deren Erhaltung sorgen und sie nicht durch selbstgefällige Misanthropen zerstören lassen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zwischenwelten

Wenn wir etwas von Zwischenwelten hören, denken wir fast zwangsläufig an Science-Fiction-Geschichten. ´Zwischenwelten´ ist ein nicht ganz fassbarer Ort, unkonkret, gefährlich und mächtig. Genau so aber verhält es sich mit Zwischenwelten, die wir kennen und von denen wir wissen, dass sie sich in unserem Alltag komfortabel eingerichtet haben. Die Rede ist von Organisationsformen, wie Gewerkschaften, Parteien und Glaubensgemeinschaften. Deren Einfluss auf unsere Gesellschaft ist unbestreitbar und wird täglich erlebt. Fraglich ist jedoch deren Legitimation.

Die genannten Institutionen sind Vereinen ähnlich, aber in ihrer Wirkung greifen sie weit über ihre eigene Mitgliederstruktur hinaus. Gewerkschaften engagieren sich nicht nur für Arbeitsbedingungen, Gehaltserhöhungen und die Freizeit ihrer Mitglieder, sondern vermögen auch Regelungen für diejenigen zu treffen, die weder Mitglieder sind, noch persönlich beabsichtigten, die Interessensvertretung zu legitimieren.

Meist mit, aber auch gegen den Willen Einzelner können Tarifverträge nicht nur ausgehandelt, sondern auch verbindlich mit Arbeitgebervertretern abgeschlossen werden. Gewerkschaften sind keine staatlichen, auch keine halbstaatlichen, individuellen oder kollektiv privaten Einrichtungen, sondern intermediäre Interessensvertretungen, die ihre Legitimation von grundrechtlich geschützten Interessen ableiten.

Ähnlich verhält es sich mit Parteien. Auch sie verpflichten nach Wahlen unsere Gesellschaft zu einem Verhalten, das nicht davon abhängt, ob wir Parteimitglieder sind oder nicht. Sind sie mehrheitlich gewählt, nehmen sie auch Minderheiten in die Haft für ihr Programm. Dies geschieht ohne Ansehung persönlicher Interessen oder staatlicher Verfasstheit. Parteien bedienen sich dieser Einrichtungen, allein aufgrund ihrer Legitimität.

Auch Kirchen und Glaubensgemeinschaften greifen in ihrer Wirkungsmacht stets weit über die Individualität des einzelnen Gläubigen und der durch sie verfassten Institution hinaus. Sie halten sich allgemein für Daseinsfragen und auch des Jenseits für zuständig und rechtfertigen sich weder durch Mitgliedschaften, noch Zustimmung. Auch sie sind intermediäre Einrichtungen, Teil einer Zwischenwelt, deren Legitimität nicht zur Überprüfung gestellt wird.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski