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Geteiltes Leid

Geteiltes Leid sei halbes Leid, so will es ein sehr bekanntes Sprichwort wissen. Ist das auch so? Wir müssen das herausfinden! Wir geben also unserem Gesprächspartner ein Stichwort, indem wir zum Beispiel auf unsere eigenen Rückenschmerzen verweisen. Was dann passiert, ist oft erstaunlich. Anstatt sich mitfühlend mir und meinen Rückenschmerzen zuzuwenden, erzählt der Angesprochene seine eigene Leidensgeschichte, und zwar angefangen vom Rücken bis zum Magen, von der Schulter bis zur Hüfte. Werden damit mein Leid und meine Leiden geteilt?

Ich glaube nicht, das Leid wird nicht geringer, sondern nur durch das Erzählen profanisiert. Das Leid wird verdoppelt und sogar bei mir und meinem Gesprächspartner vervielfacht. Abgewogen wird allerdings das Maß des Leids und dies kann die Genugtuung verschaffen, dass man selbst ja noch recht gut dabei weggekommen sei. Auf diese Art und Weise entlastet das Leid der Anderen – auch wenn es als aufgedrängt empfunden sein sollte. Je umfassender so die Kenntnis vom Leid anderer ist, desto entlastender wirkt es sich auf jeden Leidenden aus. Die Gemeinschaft des Leids kann daher im sozialen Kontext den sprichwörtlichen Anspruch erfüllen.

Wirkliches Leid aber ist etwas höchst Privates und kann von niemandem geteilt werden und dies auch dann nicht, wenn es allgemein bekannt ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ecce Homo

Ja, ich bin ein Mensch und das halte ich aus? Jetzt, während der Flüchtlingskrise, strömen via Internet oder Fernsehen pausenlos Bilder auf uns ein, die Menschen in verheerender Situation zeigen, frierend, hungernd, arbeits- und beschäftigungslos, auf der Flucht, ältere und junge Menschen, Familien insgesamt. Wie halten Menschen, wie hält der einzelne Mensch dies aus, wie hält er es aus, gedemütigt, vertrieben, beschossen und verletzt zu werden? Wie hält er es aus, keine Bleibeperspektive nirgendwo zu haben, selbst dann nicht, wenn er Asylchancen hat? Was wird aus einem Menschen, der nichts zu tun hat? Wie kann ein Mensch die Strapazen von Gefängnis und Folter ertragen, auch dann, wenn er unschuldig ist?

Ja, es gibt erschütternde Bezeugungen derer, die Holocaust und KZ-Aufenthalte überstanden haben, seien sie Juden, Christen oder Andersgläubige. Aber all dies klingt oft so abstrakt, so verständig und unnah. Für viele von uns ist die Transzendierung des Leides durch den Opfertod Jesus Christus ermöglicht worden. Der Gekreuzigte hängt ohne Andeutung eines Schauderns in Wohnzimmern, Kneipen, Kirchen und Schulen. Gräueltaten überschwemmen allabendlich unsere Wohnzimmer. Leid persönlich und körperlich nah zu erfahren, ist wohl nur dem Leidenden selbst vorbehalten und schwer zu kommunizieren, weil das eigene Mitleiden weniger mit dem Einfühlen, als mit der Abwehr des Leidens zu tun hat.

Da wir uns auf das stellvertretende Leiden nicht verstehen, ermangelt es uns auch an einer evaluierbaren Basis dessen, was für Menschen hinnehmbar ist. Hiob hat Leid auf sich genommen und uns dadurch einen Spiegel eigener Möglichkeiten geboten. Mögen wir daran erkennen, was wir anderen nicht zumuten dürfen, um unserer eigenen Unfähigkeit des Leidens wegen. Wir haben kein Recht, anderen, auch ungeplant, das zufügen zu lassen, was wir für uns selbst stets vermeiden wollen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski