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Erzählen

Wir leben in Zeiten des medialen Overflows. Filme, Soaps und Medien. Überall Geschichten. Was soll da noch das Erzählen und was ist damit gemeint? Unter Erzählen verstehe ich etwas anderes als die Üppigkeit medialer Ereignisse. Erzählen heißt, sich einer Geschichte zu ver­gewissern, sei sie wahr oder erfunden. Der Erzähler weckt Erinnerungen an vergleichbare und ähnliche Vorkommnisse im Leben Anderer und gibt damit der Erzählung selbst eine Heimat. Die Erzählung wird Teil unseres eigenen Erfahrungsreichtums, als hätten wir die Vorkomm­nisse selbst erlebt.

So bleibt die erzählte Geschichte lebendig und persönlich. Sie beglückt durch diese Verbindung und bereichert durch Erfahrungen, die andere schon vor uns gemacht haben und uns Gelegenheit geben, diese für die Gestaltung unserer Perspektiven zu nutzen. Erzählungen über auch reale Vorkommnisse in der Familie, der Heimat und des Berufslebens enthalten durch die Person des Erzählenden auch eine Wertung, die oft über den Bereich des Offensichtlichen hinaus greift und einen Kosmos von Möglich­keiten auch dann benennt, wenn nur eine von diesen wahrgenommen wird.

Dies gilt für reale Vorkommnisse ebenso wie für Fantasiegeschichten, wie sie zum Beispiel Eltern ihren Kin­dern erzählen. Dies schafft den Zauber einer besonderen persönlichen Verbindung, die durch kein anderes Medium geschaffen werden kann. Den Reichtum des Erzählens sollten wir pfle­gen und erhalten zu unseren Gunsten und zu Gunsten der Familie und der Gemeinschaft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Unterforderung

In der Unterforderung des Menschen liegt der Schlüssel zu seiner Überforderung. Das mag wie ein Paradoxon klingen, ist es aber nicht. Der unterforderte Mensch drückt sich dadurch aus, dass er seine Fähigkeiten, selbst aktiv in Erfahrungsprozesse einzugreifen, reduziert, zumeist sogar verkümmern lässt. Der Grund ist eine Übersättigung mit Angeboten im visuellen und sprachlichen Bereich, ein medialer Overflow gigantischen Ausmaßes: Werbung, Internet, Fragebögen und Ansprüche. Der Mensch kommt nicht mehr zur Ruhe.

Dem gefühlten Zeitverlust folgt die Lethargie. Der Mensch fühlt sich unfähig, außerhalb des reduzierten Reaktionsmodus noch Informationen aufzunehmen oder gar Bildungsangebote zu verarbeiten. Der Mensch liest nur noch das, was er muss. Er ist bereits durch das wenige wirklich Wichtige in den Medien und in Büchern, aber auch im Internet und in den Gesprächen mit anderen überfordert. Er hastet von einer Anstrengung zur nächsten und hofft, dass es ihm gelinge, ungefährdet in Distanz zu jeglicher Herausforderung diese schwierige Prüfung seines Selbstwertgefühls zu überstehen.

Noch behauptet er seine Aufgeschlossenheit gegenüber Kunst, Kultur, dem Leben, aber erkennbar zieht der Mensch schon insgeheim jeden kurzweiligen visuellen Eindruck dem zu lesenden Text, der Lyrik oder gar einem Roman vor. Er hat in seinem Bedürfnis nach umfassender Bildung aber nicht nachgelassen und ahnt den Verlust. Der Mensch versucht, diesen zu kompensieren durch eine Überfülle von Sprachfetzen, Telefonaten, E-Mails, Handyfotografien und Musikschnipseln. Unterfordert durch die fehlende Wahrnehmungsfähigkeit eines Augenblicks oder eines wichtigen Gefühls bzw. Gedanken ist der Mensch überfordert durch die Totalität sämtlicher Eindrücke, Bilder und informatorischen Impulse. Diesem Menschen würde es helfen, einmal abzuschalten, einen einzigen Gedanken aufzunehmen, diesem nachzuhängen und darauf zu bestehen: Ich habe Zeit. Ich habe Zeit für mich, ich habe Zeit für meine Gedanken und ich habe Zeit für die Gedanken und Gefühle anderer Menschen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski