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Rededurchfall

Wissen schützt vor Anwendung nicht. Jeder von uns hat an den unendlich langwierigen Ritualen von Podiumsdiskussionen etc. teilgenommen und dabei festgestellt, wie wenig die Teilnehmer derartiger Diskussionen zu sagen haben und wie gering die Möglichkeit ist, selbst etwas beizutragen. Der Wortdurchfall unserer Gesellschaft ist ungeheuerlich, sowohl in den Medien als auch in allen Unterhaltungen und Besprechungen, ein unendlich gelaberter Brei. Deshalb der Appell an dieser Stelle: „Fasse dich kurz und gib jedem Anderen auch eine Chance, sich zu äußern.“ Selbstverständlich korrespondiert dieses Verhalten auch mit dem Interesse an dem, was Andere zu sagen haben.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

10. Vorbilder

Bildung hat mit Orientierung zu tun. Diese Orientierung übernehmen u. a. Vorbilder. Unter Vorbildern sind Menschen zu verstehen, die durch ihre charakterliche Festigkeit, ihre Integrität und durch ihren Einsatz anderen Menschen Halt und Wegweisungen bei der Einrichtung ihres eigenen Lebens geben.

Das gelebte Vorbild ist unverzichtbar. Vorbildfunktionen übernehmen zwar nicht nur diejenigen Personen, die in einen lebendigen Dialog mit dem Orientierung Suchenden eintreten, sondern auch andere Personen und Persönlichkeiten durch ihre Schriften, ihr veröffentlichtes Leben, durch ihren Mut und ihren Einsatz. Dabei denke ich z. B. an Dietrich Bonhoeffer. Vorbilder haben bestimmte Eigenschaften, die sie dazu befähigen, Vorbilder zu sein. Dazu gehört nicht nur eine aus der Integrität sich ableitende innere Verfassung, sondern auch stetige Überprüfung und Skrupel. Das Vorbild glaubt beileibe nicht, dass es alles richtig macht, sondern überprüft seine Ansichten und gibt auch demjenigen, von dem es als Vorbild gewählt wurde, Gelegenheit, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Die Dialogfähigkeit des Vorbilds ist daher eine seiner herausragenden Qualitäten. Die Vorbildfunktion des Dalai Lama besteht u. a. darin, dass er mit Witz und Heiterkeit, aber auch mit gläubiger Bestimmtheit anderen Menschen demonstriert, das Lebenswille und Spiritualität sich nicht ausschließen.

Vorbilder des Sports zeigen auf, dass sie viel von sich abfordern, sich einer Sache ganz widmen, andererseits aber auch davon absehen, sich dadurch zu verbessern, dass sie andere erniedrigen. Sie gehen an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, aber sie bewahren ihre Fairness. Insbesondere sind sie dazu angetan, Teamgeist, Konfliktschlichtung und körperliche Auseinandersetzung ohne Verletzung zu lehren.

Vorbildfunktionen müssen Erzieher und Lehrer wie auch die Eltern übernehmen. Sie sind diejenigen, an denen sich Kinder und Heranwachsende messen und von denen sie aufgrund der daraus gewonnenen Erfahrung entsprechend dazu begeistern lassen, einen Erkenntnisprozess einzuschlagen oder desillusioniert und wankelmütig sich ständig wechselnden Tagesaktualitäten auszusetzen. Die Dialogmöglichkeit mit dem potenziellen Vorbild ist eine der existenziellen Voraussetzungen für das Gelingen einer sachgerechten Orientierung. Diese ist nach meiner Einschätzung dann nicht gegeben, wenn zur Orientierung ausschließlich Medien zur Verfügung stehen. Medien sind nicht dialogfähig. Sie bedienen die Anpassung und nicht die Orientierung, d. h. sie geben vor, in bestimmten Bereichen Vorbildfunktionen zu übernehmen. Sie sind aber nur in der Lage, hartnäckig eine bestimmte richtige Haltung zu behaupten, und zwar solange, bis sie durch ein anderes mehrheitsfähiges Orientierungsmuster ersetzt werden. Medien geht es in erster Linie um ihren Absatz. Die damit verkaufte Orientierung soll die Lust am Medium steigern und dient nicht der Orientierung an sich. Keine Medienaussage ist durch den einzelnen Menschen überprüfbar. Es bedarf einer enormen geistigen Leistung und seelischen Anstrengung, sich aus der Fülle der teilweise diffusen angeblichen Vorbildsangebote dasjenige herauszupicken, welches den Charakter günstig formen könnte. Mediale Vorbilder sind nicht ansprechbar und tragen daher enorm zur Verunsicherung von Kindern und Jugendlichen bei. Bei aller Selbstsicherheit, die sie bei der Bewältigung ihres medialen Alltages an den Tag legen, sind Kinder und Jugendliche daher völlig unsicher, wenn es darum geht, der Lebenswirklichkeit außerhalb des medialen Bereichs zu begegnen. Sie vermögen das gänzlich andere Angebot nicht zu verkraften und reagieren daher mit Unkenntnis, Aggression, Schüchternheit, turbulenten Gefühlsschwankungen und vor allem mit der Verweigerung gegenüber Lernangeboten, die auf Eigeninitiative beruhen.

Wir können Medien nicht abschaffen, wir können aber dafür sorgen, dass Medien anders eingesetzt werden. Die Materialisierung sämtlicher Beziehungen zwischen den Menschen, seien es Kaufanreize, Warenbezüge wie auch in Beziehungen der Menschen untereinander oder den geistigen Ansprüchen, widerspricht eklatant den Anforderungen, die Medienmacher in der Zukunft stellen müssen. Die Medien benöti- gen ausdifferenzierte, dialogfähige, innovative und vor allem charakterlich gefestigte Menschen, die geeignet sind, ihr Publikum nicht nur zu fesseln, zu unterhalten, sondern auch immer wieder erneut zu gewinnen. Ohne die Bereitschaft, einen Bildungsauftrag zu übernehmen, wird dies nicht möglich sein. Ohne dass die Medien ein lebendiges Vorbild zu ersetzen vermögen, wäre es zumindest erforderlich, das Medienpotpourri zu reduzieren. Es ist schwer nachvollziehbar, dass es nicht möglich sein könnte, sozusagen im Umkehrschub die Sprachverwirrungen, Infantilitäten, das trostlose Moderatorengebrabbel, die faden Stehgreifwitze, vor allem die endlose Geschwätzigkeit durch ernsthaftere Themen und deren Darbietung zu ersetzen. Dabei wäre es wünschenswert, wenn Zuschauern bzw. den Beteiligten Angebote unterbreitet werden würden, die darauf gerichtet sind, zwischen diesen auszuwählen, direkte Kontakte aufzunehmen und nachhaltige Entscheidungshilfen zu erfahren. Der verkündeten Besserwisserei von angemaßten medialen Persönlichkeiten könnte so etwas entgegengesetzt werden. Zu Vorbildfunktionen dienen eben nicht nur „VIPs“ und „Promis“, sondern gefestigte Menschen, die die Bereitschaft besitzen, zuzuhören, und anderen durch ihr Verhalten ein Angebot zur Bewältigung ihres Lebens unterbreiten.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Nix verstanden

Wir sind technisch hoch gerüstet. Wir sind die bestinformierteste Gesellschaft, die es je gab. Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet via Computer, Handys und Smartphones versorgen uns während des Tages kontinuierlich mit Informationen zu allen Tagesereignissen. Nachrichtigen im 20-Minuten-Takt. Eilmeldungen in Kopf- oder Fußzeilen während des Spielfilms. Über die Medien haben wir Informationen satt. Hinzukommen eine Fülle von Büchern, Ratgebern und Lebenshilfe nicht nur in Kulturkaufhäusern, sondern auch in Bahnsteigkiosken und auf Tankstellen. Wie in einer Endlosschleife erfahren wir über Finanzkrise, den Krieg in Afghanistan und die merkwürdigen Handlungen eines Bundespräsidenten in Zeittakten, die sogar die 3-Minuten-Schwelle unterschreiten können, wenn wir uns dazu entschließen, die Medien zu wechseln oder bewusst Informationen abzurufen. Wir sind gegen den medialen Overkill nicht mehr gefeit, zumal nicht nur unser Informationsinteresse bedient werden soll, sondern jede mediale Veröffentlichung dem knallharten Auftrag entspricht, dadurch eine Geschichte zu erzählen und Geld zu verdienen. Ob wir es wollen oder nicht, sind die Empfänger Konsumenten, ohne die die Informationsflut sinnlos wäre. Würde der Absatzmarkt stocken, hätten wir nicht nur ein Konsumentenproblem, sondern darüber hinaus auch ein wirtschaftliches Problem mit Auswirkungen auf Werbung, Markmacht und Absatz. Nur, wie viele Informationen verträgt der Mensch? Die Dauerherausforderung führt zur Abstumpfung und zwingt den Informationsproduzenten dazu, über neue und vielleicht sogar auch gewagtere Thesen zu liefern oder auch Ereignisse zu eruieren, die bei gesundem Menschenverstand als solche überhaupt nicht relevant erachtet werden. Natürlich ist der Mensch in der Lage, zwischen verschiedenen Informationen auszuwählen ob die eine oder andere für ihn wichtig ist, das wichtige auszusondern und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das bedeutet aber schon, dass ein Präklusionsprozess in Gang gesetzt worden ist. Dies wiederum bedeutet, dass die Information den Menschen überhaupt erreicht hat. Dieser Präklusionsprozess selbst beinhaltet viel Kraft und Filtermöglichkeiten, die nicht nur viel Zeit zum Beispiel beim Aussondern der wichtigen E-Mails verlangen, sondern zu Ermattungen führen, die dazu angetan sein können, selbst wichtigen Spuren nicht  mehr nachzugehen. Nachdem 100 E-Mails durchgescrollt worden sind, ist der User seines Smartphones nicht mehr in der Lage, sich daran zu erinnern, was er davor eigentlich vorhatte. Da bei den meisten Informationskonsumenten keine realen Aufzeichnungen mehr geführt werden, findet der Erinnerungsprozess auf die selbst ermüdende Art und Weise wiederum in den Medien statt mit der Folge, dass der Prozess selbst schon als Arbeit wahrgenommen wird und sich der Erkenntnisprozess darauf beschränkt, auf die unmittelbar wahrgenommenen Informationen noch zu reagieren. Das Sprichwort: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ließe sich hier ergänzen, und zwar in Bezug auf sämtliche Medien: „Was ich gesehen, gelesen oder gehört habe, gehört im Moment des Wahrnehmens bereits der Vergangenheit an, nur noch ganz wenige existentielle Herausforderungen berühren den Menschen und leiten Reflexionen, reale Auseinandersetzungen und einen Prozess des Commitments ein. Der Mensch ist sich seiner Situation durchaus bewusst, kaschiert den Prozess der Auswahl und des Vergessens mit der Behauptung des Engagements. Wenn für den Menschen die eigene Situation drängend wird, reagiert er in Kenntnis des allgemeinen Verdrängungsprozesses meist hektisch und versucht, alles zu mobilisieren, um in möglichst kurzer Zeit zum Ziele zu gelangen. Der moderne Mensch weiß dabei sehr genau, dass – wenn er nur einen Moment nachlässt, um das für ihn wichtige Projekt zu realisieren – dieses aus dem Sinn gerät, möglicherweise bei ihm selbst sogar, aber vor allem bei denjenigen, die er als Mitspieler benötigt. Erklärungsversuche für diese neue Welt finden sich in zahllosen Publikationen. Es wird abgestellt auf die Komplexität unseres Lebens, die kybernetischen Fähigkeiten, die ein Mensch heute beweisen muss und die neuen Herausforderungen zum Beispiel durch ständige Beteiligungsprozesse und systemische Regelungen. Diese Deutungsversuche erweisen sich aber in der Regel nicht als hilfreich, sondern verstärken sogar den Prozess der Ermüdung. Der Mensch erfährt, dass er den Ansprüchen – seinen eigenen und fremden – nicht mehr gewachsen ist, schüttelt den Apparat bis ihm dieser verkündet: tilt. Aber mit der Erfahrung wieder auf Start zu gehen und neu zu beginnen, ist sehr schwierig, denn der Mensch hat nicht nur ein technisches Problem zu lösen, sondern zu diesem gesellt sich sein Körper, sein Verstand uns seine Seele. Der Mensch stellt sich die Frage, ob es noch sinnvoll ist, was er macht und will gleichzeitig mithalten, nicht ausgegrenzt sein. Nicht nur Burnout, Boreout und andere modische Erscheinungen sind die Folge, sondern auch eine Regression in den menschlichen Möglichkeiten über Fantasie, Distanz zu den Medien und den technischen Möglichkeiten, über Logik und Verstand zur Erkenntnis zu gelangen, die unsystematisch dazu beitragen können, den Fortschritt zu gestalten. Wenn der Mensch sich etwas weigert, aus taktischen Gründen zumindest etwas nicht verstehen will, hat er sich möglicherweise einen Freiraum erobert, den er nach Lust und Laune gestalten kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski