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Kurze Männer

Neulich wohnte ich einer wirklich denkwürdigen Laudatio bei. Bei einer Präsentation der Werke des Malers Scharein huldigte Gregor Gysi dessen Wirken und schloss seine Betrachtungen mit dem Hinweis, dass sie beide etwa die gleiche Größe hätten, das Kleinsein sozusagen als Bestätigung ihrer Freundschaft. Der Maler Scharein von Gregor Gysi auch vertraulich Schari genannt, sekundierte dessen Ausführungen anschließend mit dem Hinweis, dass Gregor Gysi doch von beiden der Kürzere sei.

Ob es stimmt oder nicht, dürfte nebensächlich sein, denn sie begegnen sich wirkungsmäßig offensichtlich auf Augenhöhe. Es wäre ihnen sogar mit Napoleon gelungen, aber auch mit den lebenden bekannten Persönlichkeiten, Schröder, Berlusconi und Putin. Auch wenn diese ihren Behauptungswillen im Leben und ihre Durchsetzungskraft in der Politik aus ihrem knabenhaften Wuchs als Zeichen ihrer Überlegenheit schöpfen, so tendieren sie dennoch zu einer ergänzenden Erhöhung durch Plateauschuhe, Schemel und Kameraeinstellungen, die sie stets überlegener zeigen sollen, als sie eigentlich optisch sind.

Auch wenn ich das unangenehme Gefühl mit ihnen teile, selbst zu einem großen Menschen aufschauen zu müssen, so überrascht zuweilen, dass kleingewachsene Menschen dazu neigen, ihre angeblichen körperlichen Defizite durch virtuose Ergänzungs- und Ausgleichshandlungen und Erklärungen zu kaschieren. Ein kleiner Ex-Bundeskanzler spielte Fußball, ein noch russischer Präsident Eishockey und ein ehemaliger italienischer Politiker mit großen Frauen. Sie sind eigentlich ganz normale Männer, sie glauben es aber nicht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski