Schlagwort-Archive: Neid

Nimmersatt

In den Begleittext menschlichen Lebens gehören die Reichen, die Armen und alle diejenigen Menschen, die zumindest weniger haben, als eine überschaubare Anzahl wohlhabender Menschen. Während die einen trotzig ihren Reichtum zur Schau stellen und verteidigen, beklagen die anderen die aus der Abwägung ersichtliche Ungerechtigkeit, die darin liegt, dass sie weniger als die Reichen haben. Die wirklich Bedürftigen und Armen spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle. Es sind einfach zu viele.

Im Kräftemessen zwischen den Reichen und den weniger Vermögenden geht es in erster Linie darum, dass jeder so viel haben möchte, wie der andere auch. Neid ist ein verlässlicher Gerechtigkeitsparameter. Aber wem sollte der Reiche etwas neiden?

Niemandem. Er hat aber ein anderes Anliegen. Zu seiner Grundausstattung gehört es, mit aller ihm gebotenen Macht, seinen Besitzstand zu verteidigen. Er codiert seine Macht durch Gesetze, Abschreckung, Kriege und alle ihm sonst gebotenen Möglichkeiten. Er ist auch gierig, weil allein seine Gier Verlusten vorbeugen kann. Und vor diesen hat der Reiche Angst.

Neid und Gier sind aber Vorder- und Rückseite derselben Medaille. Es geht dem Reichen und dem nicht so Wohlhabenden keineswegs um Verarmung, sondern um existenzielle Lebensgefährdung, gut vergleichbar mit einer schweren körperlichen Krankheit oder einem psychischen Defekt. Der Konflikt zwischen „reich“ und „arm“ bzw. auch nicht so wohlhabend, hat somit auch eine medizinische Komponente, die Fachärzte auf den Plan rufen sollte.

Es ist festzustellen, dass das fortschreitende Alter und die Erwartung, dass der Tod einem auf die Pelle rückt, eher dazu führt, dass der Reichtum noch rabiater verteidigt wird bzw. die Gier zunimmt. Die Abwehr der drohenden Gefahren schließt dabei Selbstgefährdung mit ein, weil alles als Bedrohung empfunden wird. Den Kindergeschichten nach wird aus der Raupe Nimmersatt ein genügsamer Schmetterling. Wie verhält es sich beim Menschen? Wird er ein Engel?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Egoismus/Ich

„Mir wohl und keinem übel“, so lautet unser Familienspruch. Als ich ihn zum ersten Mal bewusst aufnahm, erschien er mir befremdlich. Bis heute habe ich allerdings immer wieder Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken und gewinne die Einsicht, dass diese Form der bewussten Selbstbescheidung dem „Ich“ einen geeigneten Platz zuweist.

In einer ich-zentrierten Welt begreift sich der Mensch als Anspruchsteller, der beurteilt, Noten verteilt und in der Abgrenzung zu anderen sich selbst belohnt. Der andere Mensch ist dabei in erster Linie Lieferant von Argumenten zur Stärkung der Selbstzufriedenheit. In einem solchen Kontext bewegen sich nicht nur materielle Ansprüche, sondern jede Form der Verlautbarung nur um das eigene Ich. Das eigene Ich „darf doch noch einmal sagen“, das eigene Ich kann bei aller Zumutung, die ihm zuteil wird, mit Neid, Missgunst und Empörung reagieren.

Und die Alternative? Eine Alternative dafür könnte sein, „sich“ Gutes zu tun. Sich Gutes tun heißt, mit Dankbarkeit an Selbsterrungenschaften zu arbeiten und sich selig, geistig und materiell mit dem Notwendigen zu versorgen, ohne darüber zu jammern, nicht alles zu bekommen. Die andere Seite dabei ist allerdings, bei dieser Form der umfassenden Selbstversorgung auch die anderen Menschen im Auge zu behalten und dafür einzutreten, dass ihnen, ihrer Würde in geistiger und materieller Hinsicht nichts geschieht.

Dies ist eine Form der Ich-Betrachtung mit einem Abwehrreflex gegenüber denjenigen Einwirkungen, die andere Menschen beschädigen können. Wenn alle Menschen bei den Wohltaten, die sie sich selbst zugutekommen lassen, die anderen Menschen mitbedenken, ist ein gesamtgesellschaftliches Verständnis möglich und gewinnt eine Aussage, wie: „Mir wohl und keinem übel“ über den Regelungsinhalt hinaus verlässliche Bedeutung. Um Unheil von anderen abzuwenden, bescheide ich mich selbst, sei dies in Fragen des Umweltschutzes, des Konsums oder der Meinungsäußerung. Mit einer solchen Einstellung wird das Ich wirklich stark und Egoismus ein verlässliches Programm.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski