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1968 (Teil 3)

Unser Leben war aber im Großen und Ganzen normal. An den Protesten konnten wir teilnehmen oder nicht, uns eine Meinung darüber bilden, ob wir Alexander und Gesine Schwan als reaktionär empfinden sollten oder nicht, eintauchen in bürgerfremde Lebenswelten, wie Kommune I. Wahrscheinlich mussten wir dies alles nicht erleben, weil Andere es für uns taten. Das Bild der Kommune I wurde durch die Stadt gereicht. Nie hätte ich mir vorstellen können, nackt mit Anderen und die Beine gespreizt an der Wand zu stehen. Andererseits reizte die sexuelle Freizügigkeit und war wohl der Motor für viele Aktivitäten, auch wenn dies kaschiert werden sollte. Trotz Oswald Kolle gab es sexuelle Freizügigkeit in der deutschen Gesellschaft überhaupt nicht und schon gar nicht zum Ende der 60er Jahre. Die von Studenten geforderte sexuelle Freizügigkeit war kein für die Frauen emanzipatorischer Akt, sondern eher eine notdürftig legitimierte Betätigungsvariante für junge Menschen. Verführung, politische Verbrämung des Interesses an hemmungsloser Lust entsprach der studentischen Obsession. Plötzlich war es möglich, erotische Spielvarianten aufzurufen, ohne sich mit etwaigen Vorbehalten auseinandersetzen zu müssen. Von sexueller Befreiung der Frau daher keine Spur, sondern nur Gestaltungsmöglichkeiten der Lust des Mannes ohne Reue. Um das Abweichen von der Normempfindung nicht schmerzhaft werden zu lassen, wurden von Mitscherlich bis Reich Rechtfertigungsepisteln geschrieben. So wurde trocken konstatiert, dass ein häufiger Partnerwechsel gesellschaftlich günstig wäre, in der Natur der Sache liege und auch politisch vernünftig sei. Alles war erlaubt. Keiner durfte oder konnte im eigenen Interesse gegen das sein, was nun gefordert war, sondern musste seine eigenen Vorbehalte entweder überwinden oder zumindest in gewissen Kreisen nicht offenbaren. Diese damals angelegte Schizophrenie zwischen Wahrnehmung, eigenen Vorbehalten, Wirklichkeit und politischen Ansprüchen wirkte sich auch später sehr zum Nachteil von Familien und ihren Kindern aus. Ewige Bindungen, die doch sehnlich gewünscht waren, wurden von den Partnern im Sog eines sogenannten gesellschaftlichen Prozesses verraten und eingetauscht gegen eine schmerzhafte Libertinage. Unter Aufgabe der Individualität vergesellschafteten die Protagonisten ihren Körper, ihren Geist und ihre Sinne und schufen so den Boden für den späteren Irrsinn, der im Terrorismus seinen stärksten Ausdruck fand. Fast bedeutsamer ist dabei, dass sich eine Spaltung in unserer Gesellschaft vollzog, und zwar zwischen denjenigen Menschen, die staatliche Autorität forderten, und denjenigen, die sich vom Staat abwandten. Der Staat hatte, so scheint es mir jedenfalls, diese Chance für sich auch erkannt und seine Autorität nicht nur im Bereich der Sicherheit zum Ausdruck gebracht, sondern in den 70er Jahren auch die Gelegenheit ergriffen, die staatliche Fürsorge auf alle Bereiche des aus sich selbst bestimmten Handelns seiner Bürger auszudehnen. Dem braven Bürger ging es in den 70er Jahren gut. Er verlor nach und nach die Lust am eigenen Handeln und denunzierte diejenigen, denen das staatliche Handeln nicht passte, als Störenfriede, als „Ratten“ gar, „die man zurück in die Löcher treiben“ müsse.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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