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Fremdheit und Nähe

Als ich vor einiger Zeit in Afrika war, spürte ich etwas ganz Besonderes: die Fremdheit. Diese Fremdheit war mir nicht unangenehm, sondern entsprach den unbekannten Gegebenheiten. Ich bewegte mich in einer Gegend, wie ich sie zuvor noch nicht kennengelernt hatte. Ich begegnete Menschen, die ich nicht kannte, weder deren Lebensgewohnheiten noch ihre persönliche oder ihre soziale Verhaltensweise. Sie waren mir fremd, auch, aber nicht nur deshalb, weil sie schwarz waren. Ihnen ging es genauso und sie ließen es mich wissen. Kinder, die in abgelegenen Dörfern in meine Nähe kamen, erschreckten sich vor mir, dem weißen Mann. Nur die mutigsten der Kinder wagten sich in meine Nähe, wurden nach langer Zeit zutraulich oder gar frech. Sie überwanden die Distanz, auch wenn wir uns fremd blieben. Erst mit der Zeit begriff ich, wofür diese Fremdheit gut sein könnte. Sie schärft den Blick für das Andere, hält eine Distanz, die Erfahrungen erst möglich macht. Das, was nahe ist, ist vertraut, verliert oft aber an Schärfe. Nähe herzustellen im privaten Umfeld vermittelt Sicherheit, aber meist auch Bequemlichkeit und mindert oft den Respekt. Wie auch draußen in der Welt scheint es mir im kleinen persönlichen Bereich wichtig zu sein, sich die Fremdheit zu erhalten, um jederzeit in dem anderen Menschen den nicht Verfügbaren zu sehen, jemanden, der es lohnt, immer wieder neu kennengelernt zu werden. Selbst anderen fremd zu sein ist aufregend, erhält die Neugier und schafft Distanz. Der Fremde ist für Andere nicht manipulierbar, sondern prüft, wägt ab und lässt zu. Die Nähe des Fremden ist kostbar, eine willentlich intellektuelle oder auf Gefühl basierende Hinwendung, um in der Überwindung des Fremden etwas Besonderes zu erfahren. Das Fremde, welches ich in Afrika erfuhr, hat meine Sehnsucht geweckt und mich neugierig gemacht auf die Menschen und ihre Kultur. So will ich sie mir erhalten und nicht eindringen in ihren Bereich, um sie gar zu Vasallen oder Komplizen meines Lebens zu machen. Es würde mein Machtgefühl stärken, wenn ich die Herrschaft über sie gewonnen hätte, alles besser wüsste und sie in ihrem Verhalten beeinflusste. Es machte mich aber nicht stärker, wenn ich nicht der Erfahrende bin, wir uns nicht auf Augenhöhe begegnen. Der Respekt vor dem Fremden ist eine Bereicherung unseres Lebens und sicher ein Teil unserer Selbstausbildung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski