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Opfer

„Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ So berichtete Berthold Brecht den Nachgeborenen von seiner Lebensrfahrung. Die Zeiten haben sich nicht geändert. Auch wir leben in finsteren Zeiten, die keiner nach der Wende so für möglich gehalten hätte. Da alle Menschen mutmaßlich die Gräueltaten weltweit kennen, die unter islamistischen, rassistischen und sonstigen Motiven begangen worden sind und auch fast jedem die martialischen Aktivitäten von Staaten und Potentaten weltweit  bekannt sind, kann ich mich darauf beschränken, einzelne Aspekte dieser gewalttätigen Auseinandersetzungen zu benennen.

Wir leben nicht in schrecklicheren Zeiten als früher, sondern unsere Bewertungsmaßstäbe und die gesellschaftliche Bedeutung von Vorkommnissen, auch aufgrund neuer Kommunikationsmöglichkeiten, haben sich verändert. Hat früher ein Mensch den Plan gefasst, sich selbst umzubringen, so tat er dies in selbstgewählter Abgeschiedenheit. Nur das unmittelbare Umfeld nahm davon Notiz. Dafür gab es Gründe, die religiös begründet waren. Dem Selbstmörder wurde jedes Andenken verwehrt und in den Familien wurde sein Namen künftig verschwiegen. Religiöse Überzeugungen können einen Selbstmörder heute nicht mehr davon abhalten, seinem Leben ein Ende zu bereiten, sondern sogar das Gegenteil ist oft richtig. Zudem hat er die Möglichkeit, seiner Selbstauslöschung ein bleibendes Andenken zu bescheren, indem er andere mit in den Tod nimmt.

Diese postmortale Anerkennung, die über die Netze Millionen von Menschen erreicht, ist ein wesentlicher Aspekt der in letzter Zeit zu erlebenden Selbstmordserien. Dies gilt für die religiös motivierten Selbstmordattentate im gleichen Maße wie für die persönlich motivierten. Ohne die medialen Verbreitungsmöglichkeiten wären Selbstmorde in Verbindung mit Morden bei weitem nicht so wirkungsvoll.

Weniger auf Inhalte, als auf Wirkung unter Einsatz der sozialen Medien setzen aber auch Politiker, die die Welt dank der medialen Möglichkeiten neu zu ordnen gedenken. Eine Gesellschaft, die sich auf Likes und Smileys eingelassen hat und zudem in der Lage ist, durch einen Tweet das soziale Leben eines Menschen zu zerstören, wird nicht mehr bereit sein, sich argumentativ mit Inhalten auseinanderzusetzen, sondern nur noch auf Impulse zu reagieren, deren Wirkung das auslösende Ereignis bei Weitem übersteigt. Wir werden Opfer unserer Fähigkeit, die reale Welt nur noch als Projektionsfläche unserer virtuellen Möglichkeiten zu begreifen, ob in der Jagd auf einen Pokemon-Troll oder einen realen Menschen, den wir umbringen, wenn die Spielanleitung dies vorsieht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski