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Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Der Volksmund wird nie geschlossen gehalten, er ist stets geöffnet. Angefangen vom Geplapper der Kinder bis zu den wirren Sätzen der Greise sind alle Menschen darauf aus, möglichst viel zu reden. Dies geschieht in der geschliffenen Form eines Präsidenten oder Wirtschaftsführers oder in dem Gequassel eines Groupies. Verbindend, quer durch alle sozialen Schichten, ist die Belanglosigkeit des Dargebotenen. Diese hindert allerdings keinen Schwätzer daran, möglichst viel mitzuteilen. Dabei geht es stets weniger um den Inhalt als um die Gestik des Vorbringenden. Er geht auch nicht davon aus, dass er irgendjemanden von seinem Gerede überzeugt, zumal der potenzielle Gesprächspartner die kurze Zeit des Schweigens nutzt, um seinen eigenen verbalen Gegenangriff vorzubereiten.

Die Sprache ist allenfalls ein Medium, welches in der Lage ist, auch Plätze im Leben zu markieren. Deshalb sind bei Podiumsdiskussionen Beiträge aller Podiumsmitglieder stets so lang und ausufernd, dass der ganze Raum schon nach ihnen stinkt und jeder Zuhörer wieder unverrichteter Dinge von dannen schleicht. Das Bild passt überall dort, wo sich ein Dialog nicht ereignet. Smalltalk oder Bigtalk. Der Wortschwall ist immer der gleiche. Inhaltliches wird ausgespart und ausführlich das veröffentlicht, was der Angesprochene so oder so auch erlebt hat oder hätte erleben können. Auf dieser Gesprächsebene vermeiden Menschen, tiefer gehende Gedanken zu veröffentlichen, weil sie entweder überhaupt nicht vor- handen sind oder die Angst des Missverständnisses bzw. der Langeweile besteht. Je geringer der Wortschatz eines Gesprächskombattanten, umso größer die Treffsicherheit bei jeder Gesprächsveranstaltung. Sprachliche Ausdifferenzierungen belasten oder langweilen das ebenfalls immer gesprächsbereite Gegenüber. Die Worte legen sich auf das Gemüt, erschöpfen die Gedanken und trüben jede Erwartung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski