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Zettelkasten

Erinnern Sie sich noch? Früher hatten manche von uns Zettelkästen. Auf jedem Zettel standen Stich- oder Merkworte. Diese Zettelkästen sind etwas aus der Mode gekommen. Es gibt aber virtuelle Zettelkästen. In meinem zum Beispiel könnte nichts geordnet sein. Es herrscht ein großes Durcheinander. Das ist von mir so gewollt. Dort sind zum Beispiel Zettel des Mutes und solche der Verzweiflung abgelegt. Zettel des Protestes und des Scheiterns liegen beieinander, Ruhe und Sturm, Seite an Seite.

Zuweilen schüttle ich mein Kästchen, so dass die Begriffe wild durcheinanderstieben. Dann legen sie sich wieder und bilden neue Paare. Unter dem Zettel Deutschland ist der Zettel Antarktis zu erkennen und unter dem Zettel Gummibärchen ein Zettel Diabetes. Das ist natürlich reiner Zufall, gibt mir aber Gelegenheit, Übereinstimmungen und Zusammenhänge auch dort wahrzunehmen, wo sie mir nicht von vornherein plausibel erscheinen müssen.

Mein umfangreicher Zettelkasten eröffnet mir virtuose Denkangebote, die ich annehmen kann, aber nicht unbedingt muss. Mein Zettelkasten enthält beileibe keine Wahrheiten, sondern bietet wie jeder reale Zettelkasten ausschließlich Stichworte für meine Versuche, etwas zu ergründen, was mir Einsichten erlaubt, vorbei an üblichen logischen Denkbahnen. So schüttle und schüttle ich meinen Zettelkasten, denn nur er eröffnet mir Möglichkeiten, die mir konsequentes und lineares Denken nicht erlauben können. Ich erfahre Dank meines Zettelkastens die ganze Komplexität meiner kleinen Welt, die unser aller Große ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Unterhaltung (Teil 2)

Eine nicht unerhebliche Anzahl von Rednern ist völlig auf Stichworte geeicht. Sie lauern geradezu darauf, da sie ihnen Gelegenheit geben, ihre interessanten Gedanken kundzutun. Sie sind Slalomfahrern vergleichbar, d. h. sobald ein weiteres neues Stichwort auftaucht, ändern sie sofort den Kurs und scheuen sich nicht, auf das nächste Ziel zuzusteuern. Anlässlich eines kleinen Abendessens können so unzählige Themen gestreift werden, ohne dass der Sprechende absetzen muss oder die anderen etwa beleidigt sind, weil sie nicht zum Zuge kommen. Nicht nur derjenige der Stichworte aufnimmt, sondern auch derjenige der Stichworte gibt, hat das Gefühl beteiligt zu sein. Darin liegt der große Vorteil dieses Sprachverhaltens.

Ohne dass es die meisten Redner überhaupt mitkriegen, gibt es eine erschreckend große Anzahl von Zuhörern, denen ihre Qual nicht mehr ins Gesicht geschrieben steht. Ihre   Interesselosigkeit dokumentieren sie durch ihre Anwesenheit unter gleichzeitiger Aufgabe jeglicher Regung.

Auf jeden Fall sind sie einfachere Zeitgenossen als die uneinfangbaren Frager, die durch ihre Beiträge zur Erschöpfung der Redner beitragen können. Dies ist allerdings höchst selten.

Unbekannt ist landauf, landab der Zuhörer, d. h. der Mensch, der eine Botschaft aufnimmt, versteht, verarbeitet und gegebenenfalls angereichert wieder versendet. Der Zuhörer muss in erster Linie ein Vermüllungsproblem befürchten, das bedeutet, dass er mehr erfährt, als er verkraften kann. Der geübte Zuhörer scheitert schließlich daran, dass er trotz aller An- strengung nichts erfährt, was ihm irgendeinen Sinn erschließt. Er ist eine hoffnungslos romantische Spezies.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski