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Mehlpfote

Jeder von uns kennt das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein. Als der Wolf sicher war, dass die besorgte Mutter das Haus verlassen hatte, bestäubte er seine Pfote mit Mehl und behauptete gegenüber den im Haus verschanzten Geißenkin­der, er sei ihre Mutter und fraß sie auf, als sie öffneten.

„We love to entertain you“, so titelt ein großer Privatsender. Nicht nur im Me­dienbereich, sondern überall in der ganzen Warenwelt werden Menschen ähnliche Versprechungen gemacht. Irgendwie tut es uns gut, deren Stimme zu hören. Ein bisschen wollen wir es auch glauben. Jedenfalls erfahren wir durch Werbeankündi­gungen oft Trost, Wärme, Freundlichkeit, Geborgenheit, Schönheit, Abenteuer usw. usw. Das sind die Türöffner. Auch, wenn ein Rest Misstrauen bleibt, so sind wir doch derart besänftigt, dass wir die eigentliche Mechanik dieses Prozesse, d. h. die Botschaft, nicht verstehen bzw. auch nicht verstehen müssen, weil sie nicht so brutal verpackt ist. Die Botschaft lautet: Wir wollen euer Geld, wir wollen euch! Geld ist, so wissen wir, so erfahren wir es täglich, der wichtigste Teil des Menschseins. Wie Marx sagt: „Geld ist geronnene Arbeit.“ Etwas höchst persönli­ches, was ihm gehört, was er geschaffen hat, was er gespart hat, was ihm Möglich­keiten eröffnet. Derjenige, der vorgibt, uns zu unterhalten, will unser Geld. Er will uns verzehren, unsere Kraft, unsere Leistung, unser Vermögen nehmen, um sich zu stärken. Es ist ganz normal, weil es der Natur und dem Menschen entspricht: Er ist auf den Raubzug gegangen, hat seine mit Mehl bestäubte Pfote hingehalten, die Türe wurde geöffnet und der, der sich täuschen ließ, gefressen. Warum tut er das? Er tut es, um selbst stark und kräftig zu werden. Das liegt im System. Würde der Wolf seinen Hunger nicht stillen, müsste er hungern. Er würde sterben, ohne in die ewigen Jagdgründe einzugehen. So sterben Versager. Der Kapitalist will kein Versager sein und kämpft daher mit seinen Mitteln um die Beute. Sie wird ver­zehrt. Bemerkenswert ist, dass auch der Terrorismus auf einem kapitalistischen Prinzip beruht. Auch der Terro­rist gaukelt der Welt vor, es ginge um Befreiung, Gerechtigkeit, Spiritualität etc. So öffnet er Türen und verschlingt seine Opfer, um selbst stark zu werden und in die ewigen Jagdgründe der Seeligkeit einzugehen.

Gibt es Rettung? Der Wolf wird müde, er hat gefressen, er will ausruhen und wird überlistet. Mit Steinen gefüllt und in den Brunnen geworfen. Also: Der Kapitalis­mus überfrisst sich, wird träge und geht daran zugrunde. Der Terrorismus verendet an seiner Selbstbespiegelung. Um im Beispiel zu bleiben; der Wolf will sich im Wasser des Brunnen spiegeln. Aufgrund der Schwere verliert er das Gleichgewicht, stürzt ins Wasser und ertrinkt.

Kapitalismus und Terrorismus können mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden. Erfährt der Kapitalist, dass sein System der ständigen Ausbeute nicht funk­tioniert, weil er mehr verliert als er einnimmt, so wird er sich von diesem System schnell verabschieden. Z. B. könnte dem Kapitalisten abverlangt werden, dass er mehr Dividende auszahlt, als er einnimmt. Dann wäre der Kampf um „share holder value“ schnell erledigt. Hätte der Kapitalist keine Kunden mehr, wäre die Einsam­keit der Wölfe auch nicht mehr auszuhalten. Den Kapitalismus mit den eigenen Ködern fassen, hieße, ihn solange zu füttern, bis er platzt. Den Terrorismus mit den eigenen Waffen zu schlagen ist dann möglich, wenn das Opfer vor dem Täter nicht mehr zittert, sondern mit seinem eigenen Glauben erdrückt und dadurch dem Täter die Hoffnung auf das ewige Leben raubt.

Alle Beispiele und Mutmaßungen werden der Herausforderung mit ihrer ganzen Tragweite nicht gerecht. Ich will aber deutlich machen, dass die Fremdheit unterschiedlicher Lebensentwürfe nicht nur zwischen Religionen, sondern auch innerhalb unseres Wertesystems entscheidend dazu beitragen, dass ein Ausgleich zwischen unterschiedlichen Ansprüchen auf Selbstverwirklichung nicht mehr möglich erscheint.

In diesem Sinne bin ich mir in diesem Leben fremd. Ich will etwas bewahren, was ich nicht kenne, will etwas gestalten, was sich mir entzieht. Ich stehe mitten im Leben und bewege mich in der Gesellschaft. Es ist alles in Ordnung aber was ich vermisse ist der Erkenntniswille, der ernsthafte Versuch, selbst integer im Umgang miteinander zu sein und dadurch dem Kapitalisten und dem Terroristen eine Alternative zu bieten.

Wie steht es mit dem Terrorismus?

Auch gilt, dass darüber nachgedacht werden muss, den Terrorismus mit den eige­nen Waffen zu schlagen. Der, der Schrecken verbreitet, erfährt Schrecken, z. B. da­durch, dass er verhöhnt und lächerlich gemacht wird. Der Selbstmordattentäter als Witzfigur. Er wird exkommuniziert bzw. der geistliche Bannfluch gegen ihn ausge­spro­chen. Weiß er, dass er nicht mehr in den Himmel kommt, dann war das Op­fern umsonst. Wenn das Opfer vor dem Täter nicht mehr zittert, sondern ihn mit Glauben erdrückt und ihm dadurch die Hoffnung auf das ewige Leben raubt, dann verliert auch er die Lust zu sterben. Wenn er nicht sterben will, dann will er auch nicht mehr bomben. Welches Mittel letztendlich tauglich ist, kann niemand ohne Weite­res sagen. Wichtig ist allerdings, dass der Weg eingeschlagen wird, der aus dem In­neren des Prozesses führt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski