„Was meint der Autor damit genau?“ oder „Jetzt sagen Sie mal konkret!“ Das sind heute oft vernommene, in Frageform gekleidete Aufforderungen an Gesprächspartner in Funk und Fernsehen. Was könnten Hintergründe sein für diese Suche nach Exaktheit? Es besteht kein Zweifel daran, dass Politiker den an sie gestellten Fragen ausweichen, langatmige Antworten geben, wo kurze gefordert sind, und versuchen, heikle Themen zu meiden. Dadurch wird der Unterhaltungswert eines Frage- und Antwortspiels nicht infrage gestellt, sondern durch die nichterreichte Präzisierung ergibt sich die Möglichkeit weiterer Nachfragen und neu geschichteter Antworten.
„Genau und konkret“ gibt es überhaupt nicht. Das wissen die Fragesteller ebenso wie die Befragten. Sie protestieren aber nicht, sondern gehen scheinbar auf die „konkret“ gestellte Frage ein und beantworten sie so konkret, wie sie gestellt wurde. Jede Frage hat einen Hof, einen Umkreis, der von der Frage her erklärungsbedürftig ist. Im gleichen Maße gibt es auf eine Frage auch nie eine einzige konkrete Antwort, sondern auch sie hat im Umkreis ihres Kerns eine vage Eventualität, die jede Genauigkeit als fragwürdig erscheinen ließe. Mit angeblichen Lügen, Widersprüchen und nicht hinreichend Erklärtem werden so die medialen Opfer von der vierten Gewalt „vorgeführt“, wobei die Fragesteller in einer entschiedenen und furchtlosen Rüstung erscheinen möchten, die Befragten dagegen sollen als windige Hunde gebrandmarkt sein. Doch seltsamerweise scheinen diese die ihnen zugedachte Rolle auch zu genießen. Das Spiel funktioniert und der Unterhaltungswert, der in Einschaltquoten bemessen wird, gibt dieser Form der Inquisition recht. Der schneidige Interviewer hat nur auf den ersten Blick die besseren Karten.
Zweifel, gar Selbstzweifel, nicht zu Ende gedachte Gedanken, Abwägungen und vorläufige Ansichten sind „out“. „In“ ist, was sprachlich explodiert, innerhalb der Zeitnorm Raum für weitere Fragen und Konflikte schafft, Ansatzpunkte für Geschichten bietet und/oder endgültig von der Tagesordnung verschwindet. „The Story sells“.“ Weil es um Geschichten geht, kann jeder an ihrer Ausformung mitwirken. Eine beliebte Angewohnheit von Moderatoren ist, Probanden zu befragen, was sie glauben, z. B. was geschähe, wenn das Rentenalter heraufgesetzt würde oder ein Atomkraftwerk explodiere. Diese Frage nach dem Glauben eines Gesprächspartners berührt Bereiche der Metaphysik. Im gleichen Maße wie ich an Gott glaube, glaube ich an Vorkommnisse, die mit der Heraufsetzung des Rentenalters und explodierenden Kernkraftwerken zu tun haben. Das Schöne an dieser Glaubensfrage ist es, dass damit ein weiteres Geschichtenfeld eröffnet wird, denn in Glaubensfragen kann jeder seine Verantwortlichkeit abstreifen, muss nicht mehr nach irgendwelchen Fakten schielen, sondern befragt sich selbst, sein Gefühl, seinen Verstand, seinen Bauch, seine große Zehe. Besteht ein Konsens in Glaubensfragen, wird er schnell zur Meinung der Mehrheit und damit zur Handlungsmaxime jenseits jeder vernünftigen wirtschaftlichen, naturwissenschaftlichen oder sonstigen systemischen Betrachtung. Aus dem Glauben des Einzelnen wird somit eine gesellschaftliche Gewissheit, die nur noch den Widerspruch von fragwürdigen Einzelgängern zulässt. Die Beherrschung der Instrumentarien deckt konkrete und genaue Gefühltheit und verschafft der vierten Macht das Verführungsterrain, welches sie benötigt, um ihre Einschaltquoten zu erhöhen. Darum geht’s, oder?
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski