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Nach 1968 (Teil 3)

Es ist mir wichtig, ’68 in seiner gesamten Komplexität zu fokussieren und nicht chronologisch historisch die Zeit zu beleuchten. In der Expostbetrachtung schnurrt ohnehin die ganze Zeit wie ein an einer Stelle freigelassenes Gummiband zusammen und fixiert die andere Stelle, an der es gerade gehalten wird. Diese Lebenszeit bekommt man nicht mehr los. Man kann sich ihrer nicht entäußern. Ob als Politiker, Hochschullehrer oder als Geschäftsleute, überall sind Menschen heute in entscheidenden Positionen, die von dieser Zeit um ’68 geprägt wurden oder die sie mit geprägt haben. Sie sind Kindergärtner oder Kindergärtnerinnen, haben „Summerhill“-Modellen nachgehangen und auf antiautoritäre Erziehung gesetzt. Wahrscheinlich vertreten sie heute die entgegengesetzte Auffassung, dass ohne Autorität die Jugend verwahrlose. Sie registrieren die Gewaltexzesse und rufen nach dem Staat, dass endlich etwas getan werde, um diese Entwicklung einzudämmen. Zudem sollten natürlich Wertediskussionen geführt werden, aber auch ökologische Themen und die Überalterung unserer Gesellschaft stehen stets auf der Tagesordnung. Den ’68ern verdanken wir nicht nur die Antiatomkraftbewegung, die Ostermärsche und letztlich die Grüne Partei, sondern auch unsere Unsicherheit, uns als Gesellschaft eindeutig zu positionieren. Wir haben in der Folge von ’68 aufgehört, in einem einheitlichen Sinne Deutsche zu sein. Damit nahm zunächst die Globalisierung der Wahrnehmung ihren Lauf, später auch die Globalisierung der Handlungsoptionen und Ansprüche. Wir sollten uns als Einheitsgesellschaft auflösen, gefordert wurde eine multikulturelle Gesellschaft, in der sich alle so betätigen sollten, wie dies auch andere für sich als richtig und zweckmäßig erachten. Die Naivität der ’68er ist in diesem Sinne als besonders bemerkenswert zu bezeichnen. Alles was aus dem spanischen Bürgerkrieg, der Black-Power-Bewegung in den USA, überhaupt aus Bürgerbewegungen und Antikriegsbewegungen, der Ich-Findung und Puna ableitbar war, wurde miteinander vermischt und vermengt und fand reißenden Absatz. Reißenden Absatz deshalb, weil stets eine Aufnahme der Ideen durch eine umsetzungsbereite Masse an Menschen vorhanden war. Die Studenten ließen sich nicht nur begeistern, sondern reagierten auf Flugblätter mit dem Aufruf zu Kundgebungen und Demonstrationen und Solidarisierungen sofort und eindeutig im Sinne des dort Geforderten. Jede der damals linken Gruppen und Grüppchen hat diese Chance der Wahrnehmung und Umsetzung der Ziele erkannt und versucht, sie zu nutzen. Als dann sehr viele auf diesen Trichter kamen, verlor die Methode an Bedeutung, denn die Einheitlichkeit der Bewegung war nicht mehr gegeben. Deren Wiederherstellung im bürgerlichen Sinn erfolgte später durch Bürgerbewegungen wie Ostermärsche und Anti-AKW und verschiedene Bünde zum Natur- und Umweltschutz, die sich wieder auf breitere Bevölkerungsschichten stützen konnten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehr davon gibt es im nächsten Beitrag …