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Eltern/Kind-Bildung: Viva Familia – eine Initiative der Ruck – Stiftung des Aufbruchs

Ein Ruck soll durch Deutschland gehen! Das forderte Altbundespräsident Roman Herzog in seiner berühmten Adlon-Rede 1997. Wir haben hier ergänzt: … durch unsere ganze Gesellschaft… Diesen Ruck müssen wir Bürger uns selbst geben und dürfen nicht darauf warten, dass andere dies tun. Aber, was soll nun dieser Ruck bewirken und wie wird er ausgelöst? Um festgefahrene Strukturen aufzubrechen, sind neue Sichtweisen auf bekannte Probleme erforderlich. So wie der Blick durch ein Kaleidoskop für Kinder immer Neues entsteht lässt, wenn wir das Sehrohr drehen, obwohl der Gegenstand der Betrachtung immer der gleiche bleibt, können wir unsere Möglichkeiten durch neue Sichtweisen erweitern. Der Ruck macht ein bürgerliches Selbstbewusstsein erfahrbar, das sich nicht nur am Wahltag äußert, sondern aktiv die Subsidiarität staatlichen Handels einfordert auf allen Gebieten, die der Bürger selbst gestalten kann.

Jedes Leben eines Menschen beginnt mit seiner Geburt in die Familie. Deshalb haben wir uns bei der Ruck-Stiftung zunächst auf das Projekt Viva Familia! konzentriert. Viva Familia! trägt zur Umsetzung des Bildungsgedankens in der Familie bei. Familienbildung funktioniert nur dann, wenn auch die Eltern gebildet sind. Die Elternbildung bewirkt wiederum die Kinderbildung. Bildung von Anfang an heißt also, die Eltern in die Lage zu versetzen, ihre Kinder dabei zu unterstützen, die Bildungsangebote der Gesellschaft anzunehmen. Wie soll das geschehen? Durch eine Fülle unterschiedlicher Maßnahmen u. a. durch Singen und Erzählen von Familien- sowie Fantasiegeschichten durch die Eltern und andere Bezugspersonen in der Familie, zum Beispiel die Großeltern. Das ist wirkungsvoll, denn durch diese Form der Zuwendung werden die familiäre Bindung und das Grundvertrauen des Kindes und das Zusammengehörigkeitsgefühl mit anderen Menschen gestärkt und somit eine Basis für eine problemlosere Eingliederung des Kindes in unsere Gesellschaft geschaffen. Die Eltern machen durch Singen und Erzählen die Erfahrung ihrer eigenen Bildungszuständigkeit bei der Erziehung ihres Kindes, verstärken ihr eigenes Sprachvermögen und schaffen so auch wesentliche Voraussetzungen für ein besseres Sprachvermögen ihrer Kinder. Durch das Erzählen von familiären Geschichten festigen sie soziale Bindungen und gestalten zudem die Grundlage für einen in der Geschichte verwurzelten Lebensweg ihres Kindes. Eigentlich Selbstverständlichkeiten, die allerdings in unserer Gesellschaft weithin nicht mehr geläufig sind. Viva Familia! vermittelt daher diese familiäre und gesellschaftliche „Win-win-Situation“ durch die Einrichtung von Eltern-Sing- und Erzählkursen und ergänzende Elternpatenschulungen in sozialen Hilfeeinrichtungen, Familienzentren und Geburtsvorbereitungsstationen und Bereitstellung der für Kursleiter, Liederbücher und Klangkörper erforderlichen finanziellen Mittel.

Das Leben eines jeden einzelnen Menschen ist eine lange wunderbare Veranstaltung, wo es darum geht, sich zu bewähren, auszubilden, Neues zu erfahren und immer wieder Impulse für Entwicklungen zu setzen. Alle, auch ältere Menschen, haben die Möglichkeit, an dieser Erfahrung teilzuhaben, indem sie wieder junge Menschen an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, aus ihrem Leben erzählen und dazu anstiften, dass das Erfahrene wieder weitererzählt wird. So wird in dem ersten Schritt der Vermittlung von Singen und Erzählen durch die Eltern und das Kind eine Bewegung geschaffen, die sich durch das gesamte Menschenleben fortsetzt, dadurch unser eigenes Leben und das Leben aller Bürger in dieser Gesellschaft bereichert und die Menschen – ob jung oder alt – zusammenführt. So übernimmt der mündige Bürger von Anfang an Verantwortung für sich, seine Kinder und andere Menschen – zu unser aller Wohl für ein selbstbestimmtes Leben.

Mehr ist auf der Hompage der Stiftung www.ruck-stiftung.de zu erfahren.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeitgeist

Was, bitte schön, ist eigentlich der Zeitgeist?
Ein Geist, der aus der Flasche gekrochen ist und dann, wenn seine Zeit abgelaufen ist, wieder dorthin zurückkehrt?

Aber welche Zeit hat er, um sich hier auszutoben?
Seine Zeit, unsere Zeit, wie sieht die Zeit eines Geistes aus?
Und vor allem: Wo tobt er sich aus und warum?
Wer hat ihn gerufen?
Wer hat die Flasche entkorkt?
Warum mischt er sich ein und macht uns alle verrückt?

Der Zeitgeist.

Natürlich könnte das mit dem Zeitgeist auch ein Missverständnis sein.
Nicht gemeint sein könnte, dass es sich um einen Geist handelt. Es könnte auch sein, dass wir der Geist sind, der in der Zeit, also unserer Zeit aufscheint.

Welchen Geist haben wir denn, den wir zur Verfügung stellen?
Den Geist aller unserer Philosophen, unserer Politiker, unserer Schriftsteller und Liedersinger?
Den Geist des Fernsehens und Rundfunks, der Medien überhaupt?

Wir ahnen schon, dass wir uns dem Kern der Frage nähern. Aber offensichtlich ist das nicht, sondern eher im Hintergrund lauert einer, der die Strippen zieht. Der Geist. Schon außergewöhnlich in einer Welt, wo alles erklärbar scheint, selbst Gott zuweilen ein Sektendasein führt. Und doch waltet da einer, den wir uns und anderen Menschen nicht erklären können. Wir nennen ihn daher den Zeitgeist. Der Zeitgeist verfügt über eine unbegrenzte Macht, unser Leben zu gestalten, andererseits ist er auch nur so etwas Ähnliches wie ein Archivar. Er deutet nichts, hat aber dennoch die wesentlichen Attribute von „hier und jetzt“ an sich geheftet. Eigentlich lebt der Zeitgeist nicht aus sich selbst heraus, sondern entsteht dadurch, dass wir ihn so benennen. Aber auch das ist nicht eindeutig, sondern jeder hat seinen eigenen Zeitgeist, den er ruft. Dabei gefällt er nur wenigen. Die üblichen Ausrufe sind: „Das ist eben der Zeitgeist“ und „Das ist dem Zeitgeist geschuldet!“ Diejenigen, die so argumentieren und lamentieren, wissen oft selbst nicht, was sich dahinter verbirgt, außer ihrem Gefühl unverrückbarer Prinzipien, die für die einen objektiv bestimmbar sind, für die anderen nur magere Anhaltspunkte ausweisen. Der Zeitgeist ist das Unbenennbare, welches über allem schwebt. Das Gefühl von Behagen oder Unbehagen, die ungesicherte Verankerung in der Vergangenheit, damit Zukunft gelingt. Zeitgeist ist nichts und alles. Zeitgeist hat pascalsche Dimensionen, ist ein brodelnder Ozean an Möglichkeiten, ein Rückzugplatz für verpasste Gelegenheiten, eine Herausforderung, Neues zu schaffen oder den Zeitgeist selbst zu überwinden, ihn niederzuringen und in die Flasche zurückzustopfen, woher er kam. Das verschafft eine Pause zum Durchatmen bis zur nächsten Unvorsichtigkeit. Ein Geist wartet auf die nächstbeste Gelegenheit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Steuerprüfung

Anlässlich einer Steuerprüfung hat mir die Prüferin in einem Abschlussgespräch gesagt: „Wissen Sie, was ich hier tue und die ganzen Konsequenzen des Steuerrechts müssen Sie nicht verstehen. Es genügt, dass Sie anschaffen, um Steuern zu bezahlen.“ Darauf verabschiedete ich mich höflich aus dieser Runde der Prüfer, Steuerberater und Buchhalter. Ich habe da nichts verloren in ihrer Parallelwelt. Parallelwelt? Nein, tatsächlich leben wir in vielen Parallelwelten. In der Parallelwelt der Steuerzahler. In der Parallelwelt des verwalteten Menschen. In der Parallelwelt des Juristen. In der Parallelwelt des großen Geldes und der Wirtschaft. Die Welt, die die meisten Menschen für sich noch als die ihnen vertraute begreifen können, ist geschrumpft. Diese Welt der sozialen Bindungen, der Zugehörigkeit und des Wohlgefühls ist zudem gefährdet. Sie ist gefährdet durch einen außerordentlichen Druck anderer Systeme, die vorgeben, den Menschen zu entlasten. Zu entlasten vor allem von sich selbst. „Das müssen Sie nicht wissen. Das erledigen wir für Sie. Wir haben das in unserem System. Geben Sie uns Ihr Geld. Schaffen Sie an. Wir sorgen für Sie.“ Das ist so einfach und verführerisch. Wir verkaufen unseren Schatten wie Schlemihl oder tauschen unser warmes Herz gegen ein steinernes. Damit sind wir alle Sorgen los. Oder? Glaubt denn jemand, ein Herz hört auf zu schlagen? Glaubt denn jemand, ein Schatten ist ohne denjenigen zu haben, der ihn wirft? Glaubt denn jemand, der Banker, Jurist oder Steuerprüfer ist, dass ihn sein System schützt, wenn es einmal zur Abrechnung kommt? Die Verantwortung des Menschen ist nicht aufteilbar auf das System und den Menschen selbst. Es ist immer das Ganze. Der Richter trägt Verantwortung für die Prozessparteien. Der Banker für die Anleger und Kreditnehmer und der Steuerprüfer für den, den er prüft. Der Banker, der aufgrund windiger Geldgeschäfte einen, der sich ihm anvertraut hat, zugrunde richtet, wird die Ahnung seines eigenen Scheiterns nie wieder los. Nichts unterscheidet ihn von Raskolnikow. Auch den Richter, der die Konsequenzen seines Handelns nicht bedenkt, wird bei jedem Besuch eines Schlosses die Ahnung befallen, ob er vielleicht für immer dort gefangen bleibt? Und der Steuerprüfer? Er tut ja nur, was das Gesetz von ihm verlangt. Aber, nicht nur ein Gesetz, sondern auch eine Dienstanweisung oder ein Rechenbeispiel. Artikel 1 des Grundgesetzes verlangt, dass die Würde des Menschen zu achten sei. Die Würde des Menschen wird nicht geachtet, wenn das Ergebnis aller unverständlichen Gesetzmäßigkeiten die Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlage ist. Wir tragen Verantwortung als Steuerzahler und als Steuerprüfer. Wir tragen Verantwortung als Bürger dieses Staates und vor allem als Menschen gegenüber anderen Menschen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski