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Stolz

Kaum ein Amerikaner hätte ein Problem damit zu bekennen, dass er stolz auf sein Land sei. I´m proud to be an american. Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein? Wie klingt das anders, fremd? Stolz ist weitgehend aus unserem Sprachschatz verbannt. Stolz scheint anzuknüpfen an eine schlimme Vergangenheit Deutschlands, scheint verbunden zu sein mit Überheblichkeit und Ei­gennutz. Im unter­schiedlichen Sprachgebrauch schwingt dies sicherlich auch mit. Stolz hat die Aura des Triumphalen, signalisiert Macht. Wer stolz ist, kann sich dies leisten. Ist damit Stolz das Privileg der Arrivierten? Im Englischen klingt dies anders. Gerade derjenige, der am Rande der amerikani­schen Gesellschaft steht, verkündet so seinen Stolz. Der Stolz ist das, was noch bleibt, wenn der Mensch abgewirtschaftet hat. Der Arme verkündet seinen Stolz. Wenigstens also. Wer hier bekennt, stolz auf sein Land zu sein und nicht der politischen Meinungsfüh­rerschaft Deutschlands angehört, muss dagegen fürchten, für einen verkappten Nazi gehalten zu wer­den. Stolz geht allenfalls im kleinen privaten Raum, zum Beispiel stolz auf seine Kinder zu sein, die das Abitur bestanden haben oder eine Lehr­stelle bekamen. Stolz darauf, Vater zu werden, stolz auf ein Lob oder einen Preis, aber mehr Stolz ist nicht drin. Kann man aber so dem Stolz gerecht werden? Ist wirklich nicht mehr drin oder verstehen wir einfach nicht, stolz zu sein? Woher kommt Stolz? Was sind seine Bestandteile? Bei der Bewusstwerdung geht es nicht um eine etymologi­sche Ableitung, sondern darum, welche Signale Stolz setzt. Stolz ist derjenige, der etwas er­reicht hat. Eine Leistung ist vollbracht, und zwar zunächst eine eigene. Zunächst also ist Stolz sehr per­sönlich, festgemacht an der Fähigkeit, zufrieden mit den eigenen Umständen oder einer Leis­tung zu sein. Dies wiederum hat mit der generellen Selbst­wahrnehmung eines Menschen zu tun. Ich bin es mir selbst wert, dass ich stolz sein kann. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Damit wird auch gleichzeitig signalisiert, dass der würdige Mensch bereit ist, stolz zu sein auf sein eigenes Verhalten, seine Leistungen und das, was er für an­dere tut. Stolz und Würde sind Geschwisterpaare der selben Eltern. Die Würde des Menschen erlaubt diesen Stolz. Der Stolz muss aber nicht persönlich bleiben, sondern aus der Summe des Stolzes jedes einzelnen Menschen formt sich das ganze, und zwar das stolze Wir-Gefühl, abge­leitet von der Erkenntnis, dass nicht nur ich alleine, sondern jeder andere Mensch in einer Gesell­schaft eben­falls viel dazu beiträgt, dass das Werk gelingt, der Gemeinde, den Staat, Europa und Menschen überhaupt die Hilfe zuteil wird, die sie benötigen, aber oft nicht selbst organisieren können. Stolz ist die Bekräftigung des Willens, im Erreichten nicht stehenzubleiben, sondern sich weiter zu engagieren, im persönlichen, privaten Bereich genauso wie in der Gesellschaft. Stolz ist so gese­hen ein wichtiger Beweger der Bürgergesellschaft. Im bin stolz, dieser anzugehören.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski