Berühr mich nicht … eine Ermahnung, ein Befehl oder auch eine verklausuliert ausgedrückte Sehnsucht. Menschen wollen berührt werden, aber gleichzeitig befürchten sie die implizite Verletzung. Empathie zu zeigen, andere Menschen an sich heranzulassen und auch für deren Anliegen offen zu sein, entspricht einer Erwartungshaltung, die nicht einschränkungslos bedient wird. Warum fällt es uns schwer, für andere Menschen da zu sein und uns ihnen zu öffnen? Warum fällt es anderen Menschen schwer, auf uns zuzugehen, teilzunehmen an dem, was uns bewegt? Einer der Schlüssel zum Verstehen des zwischen den Menschen bestehenden Unverständnisses ist die Angst des Menschen vor Verlust. Der Mensch, der Anteil nimmt an dem Schicksal anderer oder auch einen sehr problematischen Ausschnitt seines Lebens darbietet, muss befürchten, dass der Nachschub an Zuwendung ausbleibt.
Dieses Angstgefühl ist aber nur ein Aspekt. Weitere Aspekte sind die Sorge um die Ausgewogenheit zwischen den Angeboten und deren Kompensation. Wenige Menschen investieren mehr, als sie zurückbekommen. Soweit die Kompensation mit Tauschmitteln oder Geld möglich ist, geht die Rechnung auf, aber rein menschliche Bereiche entziehen sich dieser merkantilen Betrachtung. Es findet dort ein Auswahlprozess statt. Zum Beispiel bestehen eingeschränkte Erwartungshaltungen hinsichtlich kompensatorischer Maßnahmen innerhalb der Familie. Dort ist der Mensch eher bereit, Risiken einzugehen. Außerhalb dieses Bereiches tut er das nur, wenn das Belohnungssystem auf andere Art und Weise funktioniert, institutionell oder in der kalkulierten Erwartung von Freude, Dankbarkeit und Zuwendung.
In diesem Bereich sieht sich der Mensch unter Umständen in der Pflicht. Außerhalb des Pflichtenkreises ist die Aufmerksamkeit, die Menschen anderen Menschen schenken, meist zufällig und wird davon bestimmt, ob die eigene Neugierde befriedigt, ein Prozess in Gang gesetzt, Ungleichgewichte provoziert oder Lästigkeiten beendet werden. Hinzu tritt, dass uns außerhalb des Müssens jede Anstrengung vermeidbar erscheint. Wir erledigen schnell, was uns nichts kostet, und vermitteln dabei das Gefühl der gesteigerten persönlichen Zuwendung, ohne diese außerhalb der verbalen Bestätigung tatsächlich wirksam werden zu lassen. Wir sind, was uns selbst anbetrifft, ausgesprochen empfindlich, aber berechnend und zuweilen auch rigoros, was die Interessen anderer betrifft. Am besten wird eher der Prozess der Begegnung überhaupt nicht in Gang gesetzt, denn wenn ich es untersage, selbst berührt zu werden, muss ich selbst nichts unternehmen, um andere zu berühren.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski