Jeder von uns kennt das Gefühl der Ohnmacht, wenn ein lange geplanter Termin platzt, und dies womöglich schlimmerweise noch kurz vor dem Ereignis. Die Absage erfolgt oft variantenreich mit dem bedauernden Hinweis einer plötzlichen Erkrankung. Sie sei höchst unangenehm und peinlich. Man bitte aber um Verständnis und werde sich um einen weiteren Termin bemühen. Die Absage ist natürlich erst eine halbe Stunde vor dem anberaumten Termin erfolgt. Lästig. Denn weitere Gesprächspartner haben sich auf diesen Termin eingestellt, andere Termine verschoben, überhaupt ihre ganze Tagesdisposition entsprechend ausgerichtet. Wenn krankheitsursächlich eine halbe Stunde vor dem Termin abgesagt wird, besteht keine Möglichkeit mehr, den Gewinn an leerer Zeit anderweitig positiv zu nutzen. Zu groß sind die Enttäuschung, der Ärger und das Denken an die Mühen, welche die Verabredung eines weiteren Termins erzeugen würden.
Die Absage ein, zwei Tage vor dem Ereignis wäre kein Problem gewesen. Flexibel müssen wir Menschen heute natürlich sein. „Unangenehm und peinlich“ ist an diesem Vorgang nichts. Vermutlich sollen die geäußerten Emotionalitäten die „Luft rauslassen“, den Absagenden durch offenbarte Empfindsamkeiten entlasten. Dabei vermittelt ein derartiges Verhalten nur Kläglichkeit und provoziert die weiteren Beteiligten der verabredeten Gesprächsrunde, schon die nächste nicht mehr so ernst zu nehmen, sondern geradezu darauf zu lauern, selbst einen eigenständigen Grund für die Absage des nächsten Termins zu haben. Diese Form des Umgangs miteinander ist inzwischen übertragbar auf sämtliche zwischenmenschlichen Lebensbereiche. Sie sind von Unordnung bestimmt. Eigentlich ein scharfer Kontrast zu der Ordnung, die PCs und Handys vorgeben. Der sprachliche Inhalt von E-Mails ist oft wirr und kraus. Keiner schreibt, wenn er zu Ende gedacht hat, sondern fügt in kurzen zeitlichen Abständen ggf. auch widersprüchlich seine Gedanken zusammen und versendet diese nach Belieben an beliebige Menschen. Es ist etwas gesagt. Ob dies inhaltlich stimmig ist, hängt vom Einzelfall ab. Alles vermittelt den Eindruck der Zufälligkeit und der Vorläufigkeit, wobei unsere tiefe Sehnsucht nach Ordnung und Verlässlichkeit dennoch weiter besteht. Wie wird dies in Zukunft noch zusammenzuhalten sein? Die fortschreitende Überlastung des Menschen durch überflüssige Informationen kann die Kapitulation vor Aufgaben einleiten.
Der Mensch neigt nicht dazu, das eigene Fehlverhalten einzusehen, sondern zieht es vor, noch hartnäckiger andere Menschen daran zu erinnern, dass es ihre Pflicht und Schuldigkeit sei, zu funktionieren und sein Versagen auszugleichen. „Ich selbst bin immer die Ausnahme.“ Natürlich können wir Ordnung schaffen, aber das setzt vor allem voraus, dass wir nicht in der Selbstbetrachtung unserer Zeit, unserer Ansprüche verharren, sondern den Anliegen anderer Menschen Priorität einräumen. Dann gelingt es. Mit allen, für alle.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski