Das System hat Augen und Ohren. Es sieht und hört. Es notiert, was ich sage. Das, was ich sage, wertet es aus. Das System legt Listen an und fertigt Berichte. Das System weiß genau über mich Bescheid. Das glaubt es. Es glaubt auch zu wissen, was ich denke, was ich fühle, kalkuliert meine Reaktionen. Ob sich das System da nicht irrt? Statistisch gesehen ist das System im Vorteil. Das System sagt: 80 % der Menschen fühlen, denken, handeln auf die gleiche Art und Weise. Das System hat sich so Maßstäbe geschaffen und vermag alle diejenigen zu erfassen, die unsystemisch fühlen, denken und handeln. Das System ist anscheinend im Vorteil. Es genießt die Unterstützung von 80 % seiner Mitglieder, die beileibe zwar nicht immer ruhig und angepasst sind, aber deren Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Systems stillschweigend erledigt werden. So war das bisher. Und die anderen? Die restlichen 20 %? Denen werden gute Chancen und Möglichkeiten vorgegaukelt, um sie auch gefügig zu machen. Ein eher geringerer Teil von ihnen wird mit Ehrungen überhäuft, denn nichts isoliert einen Menschen so von den anderen wie Auszeichnungen, die für die Mehrheit nicht erreichbar sein dürften.
Individualisten erleiden Einzelschicksale. Nicht systemrelevant. Also Kollateralschaden. Ein letzter kleiner Teil der Systemverweigerer wird als Projektionsfläche für Neid, Missgunst und dergleichen in der Öffentlichkeit angeprangert. An diesen lässt das System die Mehrheit sich abarbeiten, denn diese lustvolle Beschäftigung mit den Schwächen und Nöten anderer, ihrem Fehlverhalten und ihrem Unangepasstsein lenkt von den Unzulänglichkeiten des Systems selbst ab. Unzulänglichkeiten? Gibt es eine Fehlbarkeit des Systems, das aus dem eigenen Selbstverständnis heraus herrscht? Schwer vorstellbar. System oder Systeme vereinfachen unser Leben, machen es kompatibel für alle Menschen. Das Rad im Getriebe. Es bleibt nicht stehen. Aber ein Körnchen Sand, nur ein Körnchen Sand kann die Maschine zum Stillstand bringen. Deshalb ist das System so wachsam. Es hat Späher, Zuträger, Informanten. Das System hat keinen Grund, sich infrage zu stellen. Legitimiert durch allerhöchste Weihen nimmt es den Kampf gegen jeden Dissidenten auf. Das System wacht, hat dich, mich, also uns im Auge. Das System weiß alles über uns. Das System kennt unsere geheimsten Gedanken, unsere Gefühle, kontrolliert unsere Handlungen, bevor wir sie ausgeführt haben. Das System weiß, dass wir es bedrohen könnten, wenn wir darauf beharren, als Mensch und Bürger eigentlicher Souverän unseres Lebens und dieses Staates zu sein. Das System weiß sich bedroht durch unsere Forderung der Subsidiarität staatlichen Handelns. Das System ist in Aufruhr, wenn wir nicht bereit sind, öffentliche Mittel in Anspruch zu nehmen. Das System glaubt, wir seien Sozialisten, wenn wir die Ansicht vertreten, Geld sei geronnene Arbeit. Das System ist argwöhnisch gegenüber unserer Souveränität. Das System will das ändern. Das System glaubt, am längeren Hebel zu sitzen. Ob sich das System da nicht irrt?
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski