Gesamtwirtschaftliche Konversionsargumente

Unsere Gesellschaft macht einen Transformationsprozess von der rein warenorientierten Wirtschaft zur philanthropischen Wirtschaft durch. Einige der Kriterien, die diesen Prozess bestimmen, habe ich folgendermaßen herausgearbeitet:

  • Aufgrund des Massenvertriebs von Waren an eine breite Käuferschicht erleben wir einen rasanten Verfall der Marken. Unternehmen und ihr Produkt sind kaum mehr erkennbar. Diese Tendenz wird sich verstärken.
  • Jenseits einer erforderlichen Bedarfsvorsorge bedienen Waren die Erwartungshaltungen von Menschen, belohnen und vermitteln Selbstwertgefühl und Glück.
  • Um den Belohnungsprozess am Laufen zu halten, ist es erforderlich, immer neue Waren zu entwickeln, um das Selbstbelohnungsbedürfnis der Menschen zu befriedigen. Denkbar ist dabei ein Kollaps des Systems, weil in der Massenproduktion bei fallenden Preisen und „Demokratisierung“ der einzelnen Güter die Nachfrage sinken könnte.
  • Der Mensch bestimmt, was er wertschätzt, wem er seine Aufmerksamkeit schenkt und was er für geeignet hält, für die Befriedigung eines Bedürfnisses herzuhalten. Dieses Produkt muss nicht unbedingt ein Produkt der Warenwelt sein, sondern manifestiert sich auch in Kunst, Musik oder Urlaubsreisen.
  • Diese Erkenntnis könnte auch im philanthropischen Bereich wirken und dort ein Produkt definiert werden, das nachgefragt wird.
  • Ein solches philanthropisches Produkt gibt es bisher nicht, sondern lediglich Aspekte, die ein solches Produkt beschreiben.
  • Problematisch bei der Individualisierung eines solchen Produkts wirkt es sich aus, dass kaum bekannt ist, was sich hinter dem Begriff Philanthropie verbirgt. Zudem ist alles Gute nach landläufiger Meinung verdächtig, weil es dazu dient, die Egozentrik der Handelnden zu pflegen und andere zu bevormunden bzw. zu beschämen. Zuweilen wird „Gutes tun“ auch als Selbstverständlichkeit, als steuerlicher Effekt oder sogar störend empfunden.
  • Aufklärung über die Ziele der Philanthropie bedeutet, den Menschen in seiner einzigartigen Ganzheit zu erfassen, unter anderem unter dem Aspekt der Eigennützigkeit. Um den Eigennutzen zu stärken, ist der Mensch bereit, Fremdnutzen zuzulassen. An diesem Fremdnutzen partizipieren im gesellschaftlichen Kontext alle Beteiligten. Die Leugnung des Eigennutzens entzieht der Philanthropie jede verlässliche Grundlage.
  • Für die Philanthropie und ihre Produkte muss ein Erkenntnis- und Bewertungssystem geschaffen werden. Dabei ist es erforderlich, die realwirtschaftlich existierenden Mechanismen im philanthropischen Bereich zu adaptieren. Dabei spielen die Ermittlung der Werte, gemeinnützige Einrichtungen, Venture Capital, Shares, Finanzierung, Darlehen bis hin zu Mikrokrediten eine Rolle.
  • Schließlich ist die Neuformierung der Gesellschaft und ggf. die Subsidiarität des Staates unter dem Aspekt des Vorrangs bürgerschaftlichen Handelns eingehend zu untersuchen.

Nach der erforderlichen Entschlüsselung des philanthropischen Produkts und Einleitung des Transformationsprodukts ist es erforderlich, im philanthropischen Bereich Marktstrategien zu entwickeln, die eine sich einstellende Nachfrage nach dem Produkt befriedigen sollen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski