Jeder ist sich selbst der Nächste oder: letztlich ist man immer alleine

Ein Mensch, der gestorben ist, wird vermisst. Die Taten seines Lebens werden gerühmt, seine Fehler meist übergangen und seiner Schwächen wird gutherzig gedacht. Dann ist der Tote endgültig alleine. Die meisten Trauergäste wenden sich wieder ihrem Leben und ihren Sorgen und Nöten zu. Angehörige verweilen noch einige Zeit im Angedenken, dann verschwimmen mit der Zeit auch für sie die Konturen des Toten. Das ist auch gut so. Unter Lebenden sind ähnliche Phänomene feststellbar. Und das ist nicht gut so. Es gelingt Menschen nicht wirklich, andere für sich zu interessieren. Interesse besteht vielleicht am Sensationellen des Schicksals, am Abgrund eines fremden Lebens, an Krankheiten und sonstigen Abstürzen, dies aber mit der steten Genugtuung, nicht Teil dieser Katastrophe zu sein. Das hat mit Empathie nichts zu tun. Der Mensch fühlt zwar mit, hat Mitleid und vermag sich zumindest zuweilen in die Situation des anderen zu versetzen.

Aber mit einem Teilen des fremden Erlebnisses, mit wirklicher Anteilnahme an dem Schicksal eines anderen Menschen hat dies nichts zu tun. Selbst derjenige, der fragwürdig zu großen Geldmitteln gekommen ist, wird kaum bereit sein, zumindest einen Teil seines Geldes mit dem in Not geratenen Freund zu teilen. Nein, vielmehr ist die drohende Insolvenz des Freundes eher ein Stigma und wenn die Beschwörung, dass letztlich doch nicht alles so heiß gegessen wird, wie es auf den Tisch gekommen ist, der Wirklichkeit nicht zu trotzen vermag, wird der Freund gemieden. Was für die wirtschaftlichen Verhältnisse erprobt ist, gilt gleichermaßen für Krankheiten und sonstiges Ungemach. Der Mensch ist allein und die ihm auferlegte Last wird nur solange und soweit gemeinsam von anderen Menschen mit getragen, als diese auch aus dem Umstand Nutzen ziehen können. Nutzen kann die gemeinsame Trauer oder die Vorfreude auf Veränderungen sein. Eine Mithaftung für den anderen Menschen ist damit nicht verbunden. Der Mensch muss sich aber stets vor Augen halten, dass es ihm letztlich genauso gehen kann, wie es gerade dem anderen geht. Wir sind „Jedermann“. Deshalb sollten wir den anderen verstehen, uns gemein machen mit seinen Sorgen und Nöten, damit wir auch unsere eigenen Sorgen und Nöte selbstbewusster leben können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski