Allenthalben wird festgestellt, dass die Vermögensschere in unserer Gesellschaft auseinandergehe. Um es einfach zu sagen: da die Armen, da die Reichen. Gemeint ist dabei natürlich finanzieller Reichtum. Was aber bedeutet finanzieller Reichtum? Aus eigener Kenntnis vermag ich dies nicht zu beantworten. Finanziell bin ich nicht reich und weiß daher nicht, wie sich dies anfühlt. Aber ich habe Mutmaßungen und Einschätzungen, zurückzuführen darauf, dass ich etliche finanziell reiche Menschen kenne. Ich mutmaße, dass finanzieller Reichtum keine moralisch abwegige Haltung ist, sondern von der Sorge geprägt wird, dass etwas abhandenkommen könnte. Wir alle sind Jäger oder Sammler. Für den einen fällt die Jagd etwas erfolgreicher aus als für den anderen. Der eine ist besser in der Lage, das Erworbene zu behalten und sogar zu mehren, der andere schlechter. Verlustangst spielt sicher eine Rolle, vor allem aber das Ritual des Gewinnens, welches es nicht zulässt, dass etwas abhandenkommt. Jeder weiß, dass Dagobert Duck selbst den Verlust eines „Kreuzers“ nicht zu verschmerzen vermag. So geht es auch heute noch vielen reichen Menschen.
Nicht der Reichtum an sich bedeutet ihnen etwas, aber der Verlust alles. Der Argwohn, dass man ihnen nach dem Geld trachtet, ist berechtigt. Nur die wenigen üblichen vertrauten Menschen aus dem eigenen Umfeld würden mit Bill Gates oder Warren Buffet verkehren, wären sie nicht reich. Nun aber sind alle hinter ihnen her, wollen mit ihnen gesehen werden, mit ihnen dinieren oder Projekte machen. Eben weil sie reich sind. Und zwar aus diesem Grund. Die Hoffnung ist, dass vom Glanz des Reichtums etwas abfärben könnte. Die vage Möglichkeit der Umverteilung bestimmt das Verhalten. Nicht, dass die Reichen nicht bereit wären zu geben, nein, im Gegenteil, sie sind oft große Mäzene, fördern Stiftungen, Museen, naturwissenschaftliche Einrichtungen, bekämpfen Polio und Aids. Wir verdanken ihnen viel. Sie haben begriffen, dass die Umverteilung der Geldmengen verhindert, dass eine größere Zahl nicht reicher Menschen eher an sich denken, bevor sie gezielt auch etwas für andere tun. Das Geld der Reichen kommt von uns, uns allen. Es hat sich bei den Reichen gemehrt, weil wir deren Bedürfnisse teilen nach Macht und Bestätigung, ebenfalls konsumieren und an ihren Produkten interessiert sind. Wir selbst haben den Reichtum bewirkt, indem wir aus Eigennutz unser Geld anderen zum Nutzen anvertraut haben. Etwas mehr Selbstverantwortlichkeit, Augenmaß und Konsumverzicht würde zur Austarierung der Geldmassen zwischen reich und arm entscheidend beitragen können.
Zu beneiden sind reiche Menschen ohnehin nicht, denn sie bleiben allein in ihrer Erfahrung, selten wegen ihren Zuwendungen an andere Menschen gemocht zu werden, und in der Erkenntnis, dass angesichts der Ewigkeit jeder finanzielle Reichtum vergebens ist, dieser selbst noch nicht einmal ihre Kinder zu schützen vermag. Ich glaube, dass gerade finanziell reiche Menschen sich ihrer steten Gefährdung bewusst sind, die Last des Geldes spüren. Es wäre zwar vorteilhaft, einfach loszulassen, aber diese Rolle ist nicht geübt. Im Übrigen sprechen wir meist von finanziellem Reichtum, zuweilen aber auch von geistigem Reichtum, von seelischem Reichtum, von Reichtum an Kindern oder der reichen Natur. Diese wahren Reichtümer, die den finanziellen Reichtum erst glänzen lassen, haben bemerkenswerterweise aber nicht den gleichen Stellenwert wie der finanzielle Reichtum. Ein Grund könnte darin liegen, dass die Abstraktion des Geldes, zuweilen aber auch seine Manifestation in Unorganischem, jede Form der Verbriefung verlässlicher zu sein scheint, als die Gegenleistung. Das Geld stellt keine anderen Ansprüche als diejenigen des Mehrens, klagt nicht über Fehler, sondern bleibt bei seinem Herrn, solange er das angeordnet hat und absichern kann. Insofern ist Geld Ausdruck des immer wieder erneuerbaren, selbstgefälligen, ewigen Lebens. Eine Verheißung des unzerstörbaren Sinns, ein Zipfel des Saums der Ewigkeit.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski