Sternzeichen

Die Sterne weisen uns den Weg. Das tun sie möglicherweise tatsächlich, wenn unsere Erde unbewohnbar werden sollte und künftige Generationen nach Auswegen suchen. Dann käme ein bewohnbarer „Stern“ gerade recht. Um uns mit den Sternen schon bei Zeiten vertraut zu machen, haben wir manchen Sternen Namen gegeben und bestimmte auffällige Sternenmuster haben Namen, die sich unseres Ordnungssinns bemächtigen.

Das bekannteste Sternenbild ist natürlich der „große Wagen“, für jeden leicht erkennbar an seiner Kastenform und der Deichsel. Aber selbst dann, wenn jemand nicht auf Anhieb sein Sternkreiszeichen erkennt, so weiß er doch um seine Zuordnung. Ich selbst zum Beispiel bin im Sternkreiszeichen Jungfrau geboren. Jedem in einem Sternkreiszeichen geborenen werden besondere Attribute zugeschrieben, persönliche und kollektive Verhaltensweisen, Liebes- und Erfahrungsfähigkeiten, bis hin zu Vorlieben und Abneigungen. Den meisten Menschen ist das ihnen gestellte Sternenhoroskop bestens vertraut, wenn sie davon hören. Sie nicken andächtig mit den Köpfen und bestätigen jede Aussage, ob bei einer Wahrsagerin oder Wahrsager in Einzelbesprechungen, in Gruppensitzungen und sogar versunken in Funk- und Fernsehzeitschriften.

Wie können manche so viel und detailliert etwas über mich wissen? Die Sterne lügen nicht. Das ist doch selbstverständlich. Wie sollten sie das Lügen auch anstellen und warum, wenn sie keinen Vorteil davon haben? Viele, wahrscheinlich sogar die meisten Menschen glauben, dass das, was über sie in den Sternen stünde, wahr sei und auf sie zutreffen würde. Dabei fällt kaum ins Gewicht, dass jedes Sternenbild für Millionen Menschen zuständig ist und wir leidvoll und freudig feststellen mussten, dass kaum ein Mensch dem anderen gleicht, Eigenschaften und Fähigkeiten völlig verschieden sind.

Aber, die Aussage eines Sternendeuters nehmen wir persönlich wahr. Bei so viel Übereinstimmung muss doch etwas dran sein, dass jeder Stern nicht nur kollektiv, sondern auch höchst persönlich unsere Geschicke lenkt. Wäre es angesichts dessen nicht sinnvoll, für die Deutungskraft der Sterne damit zu werben, dass wir schon von Kindesbeinen an daran gewöhnt sind, uns mit dem jeweiligen Sternenbild, dem Aszendenten und Deszendenten und deren Eigenschaften anzufreunden? Bin ich als Jungfraumensch vielleicht deshalb ordnungsliebend, weil die Sterne das erkannten oder weil schon auf einer der ersten Geburtstagsglückwunschkarten stand, dass ich oft kühl erscheine, aber in mir drin ein immanenter Ordnungssinn lebe? Könnte es sein, dass wir die unserem Sternenbild zugeschriebenen Grundtugenden so variieren, dass sie für unser Leben immer passen?

Ich stelle mir einmal vor, ich sei ganz anders, als mir die Sternenkonstellation verspricht. Wie sollte ich mich dann zurechtfinden in einer Welt, in der mir kein alternatives Sternenbild zur Verfügung stünde? Was würde eine Wahrsagerin oder ein Wahrsager mit mir anfangen können, wenn ich meine Geburtsidentität in Bezug auf mein Sternenbild missachten? Jeder, der seinen angestammten Platz verlässt, muss immer mit dem Schlimmsten rechnen. In dem von mir beschriebenen Fall würde sich sicher die Erde auftun und mich verschlingen. Also Schwestern und Brüder, auf zu den Sternen, damit wir schlimmes verhindern!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski