Ordnung

Die rechtliche Ordnung wird dadurch bestätigt, dass manche wagen, ihre Regeln zu überschreiten. Sie wird von Menschen fortgeschrieben, wobei eine Regelüberschreitung die nächste provoziert und so fort. Ordnung schafft Sicherheit, macht aber gefangen. Diejenigen, die sich im Recht auskennen, strapazieren diese Ordnung, suchen nach Schlupfwinkeln oder knüpfen das Netz des Rechts mit ihren Ansichten enger, als es ist. Die Unwissenden verstricken sich, wollen wissen, was geht oder nicht geht, meinen dabei nicht nur ihre Ansichten und Verhaltensweisen, sondern beharren auf Handlungsanweisungen.

Aber erst die Überwindung des normativen Denkens macht unsere Rechtsordnung wertvoll, denken wir z. B. an den Rechtsanwalt Nader, der in den 60er-Jahren den Verbraucherschutz in den USA herausgefordert hat, indem er mit Argumenten aus dem nichtrechtlichen Bereich Unternehmen zwang, auf gesundheitliche und technische Risiken der Bürger einzugehen. Lebenssachverhalte sind in erster Linie unjuristisch und bekommen durch die Juristerei nur so lange ihre allgemeinverbindliche Legitimität, bis diese Verbindlichkeit auch wieder infrage gestellt wird. Ein sich selbst reproduzierendes Justizsystem entfernt sich weit vom Judiz des Menschen, verliert zunehmend an Glaubwürdigkeit bei denen, die auf einem würdevollen Leben des Menschen bestehen, und schafft ein trotziges Unverständnis bei denjenigen, die der vermeintlichen Überlegenheit des Gesetzes und der Justiz vertrauen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski