„Jeder ist sich selbst der Nächste“, heißt ein gängiges Sprichwort, welches wohl aber anders gemünzt ist, als ich es hier verwenden will. Der Egoismus des Menschen ist begreiflich, denn sein Erhaltungstrieb ist darauf gerichtet, im eigenen Glanze zu jagen und zu sammeln. Gegen alle Erwartung ist sich der Mensch aber selbst nicht sehr nahe und bekannt in all seinen Gedanken und Empfindungen. Die eigene Fremdheit gegenüber sich selbst ist eine erstaunlich verletzende und gleichermaßen selbst motivierende Empfindung des Menschen. Manchmal verstehen wir uns selbst nicht, zu dicht ist das Gewebe an Lug und Trug und Erwartungshaltungen, an Enttäuschungen und Selbstgerechtigkeiten. Damit der Mensch wieder mit sich selbst ins Reine kommt, ist es erforderlich, dass er in die Lage versetzt wird, sich selbst von einer Außenposition her zu betrachten. Der Spiegel ist ein Medium der Selbstbetrachtung, der viele äußerlich geprägte Erlebnisse zulässt. Die Selbstbetrachtung des Menschen geschieht aber vorwiegend im Selbstgespräch. Der Mensch führt dauernd Selbstgespräche, ein Frage- und Antwortspiel auf hohem Niveau und mit ungewissem Ausgang. Die Regeln der für diesen Menschen oft selbst verborgenen inneren Gespräche bestimmt er selbst. Da die Regeln außer dem Menschen selbst keiner kennt, werden sie angepasst und verändert, je nachdem, welche günstigeren Ergebnisse sich der Mensch aus diesem Frage- und Antwortspiel erhofft.
Das lautlose Zwiegespräch erfordert keine Sprache. Diese Form der Kommunikation ist ungegenständlich und nimmt keine Rücksicht auf Schlaf oder Wachsein. Gedanken und Gefühle sind in ständiger Bewegung. Der Verstand bestimmt das Maß der Veröffentlichung.
Zuweilen wählt der Mensch aber auch eine andere Form des Zwiegesprächs, und zwar das offene Wort. Das offene Wort, wie es gepflegt wird zwischen Fremden, ermöglicht eine verbindliche Kommunikation zwischen den verschiedenen Ichs. Die Stärke des Gesprächs mag unterschiedlich sein, der eine bewegt nur die Lippen, der andere bezieht seine gesamte Umgebung mit ein.
Signifikant dabei ist, dass die Sprache Anteil nimmt am seelischen und gedanklichen Geschehen. Ein Teil der Kommunikation hat den Menschen verlassen und macht sich im öffentlichen Raum selbstständig. Das ausgesprochene Wort ist nicht mehr ohne Weiteres zurückzunehmen, es ist da und wartet auf die Konfrontation mit einer Entgegnung, um sich dann im Dialog zu festigen und vielleicht sogar in einer Aktion zu sublimieren. Selbstgespräche verschleiern nicht die Absicht, sondern schaffen Klarheit im Rahmen der immer sehr begrenzten eigenen Möglichkeiten. Spätestens wenn der Sprechende einen deutlichen Punkt gesetzt hat und die weitere Entwicklung den Ichs außerhalb seiner Gestaltungssphäre anvertraut. Das gesprochene Wort hat an Bedeutung zugelegt.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski