Die Entschlüsselung des menschlichen Wesens

Es heißt, alle Organe des Menschen hätten ihre Entsprechungen auf seiner Fußsohle. Gilt das auch für seine Spiritualität? Tritt der Mensch tagaus tagein auf dem herum, was sein Wesen aus­macht? Der Mensch, das unbekannte Wesen. Es wird definiert durch seine Eigenschaften und seine Körperlichkeit, seine Sexualität und seine Schaffenskraft, kurzum der Mensch ist, was er äußerlich zu sein scheint. Es gibt Wissenschaftler, die sagen, der Mensch sei letztlich auch nichts anderes als eine Mixtur genetischen Materials und physiologischer Vorgänge. So will der Mensch aber nicht gänzlich be­schrieben sein, des­halb hat er sich die Religion, die Philosophie und die Psychologie angeeig­net. Das stellt natürlich nur eine Auswahl der Möglichkeiten dar und nicht das Ganze. Das Ganze? Das stand und steht niemals auf der Tagesord­nung, die Entschlüsselung des menschli­chen Genoms, seines Wesens, die Erforschung seiner Ganzheit jenseits wissen­schaftlich segmen­tierter Betrachtungen. Der Mensch ist kein Witz der Natur, eine zufällige Laune im naturwissen­schaftlichen Wettbewerb, sondern etwas Einzigartiges. Eine Einzigartigkeit, die bisher noch nicht ent­schlüsselt wurde. Wir scheinen diese Entschlüs­selung zu scheuen oder scheitern an unserem Unvermögen. Das wirkliche Wissen darum, was uns im Inneren zusam­menhält, würde mögli­cherweise allen unseren Offensichtlichkeits­überlegungen aus dem Bereich der Naturwissenschaft, der Philosophie und Religion eine Abfuhr erteilen. Der Sinn des Ganzen könnte viel stärker sein als alle Jahrtausend alten Selbstversiche­rungen im einzelnen Aspekt. Aber dennoch, wir wissen alles und dieses Wissen, was nicht nur kognitiv gespeist wird, wacht über unsere Entwicklung, gibt den gradlinigsten Verhaltensweisen wie auch sämtli­chen Irrationalitäten einen umfassenden Sinn. Alle ist wichtig, was pas­siert und kann nicht als unnütz oder schädlich verwor­fen werden. Es sind Angebote, die uns in die Lage verset­zen, unserer ureigensten Bestim­mung gerecht zu werden. Diese ist endlich un­endlich, in jedem Moment gefangen und dehnt sich aus bis weit hinter unsere Vorstellungskraft. Alles ist wahr in jedem Augenblick unserer Erkennt­nis und unserer Empfindung. Wir sollten die Chance nutzen, von uns mehr zu erfah­ren als das, was uns Einzeldisziplinen zur Beruhigung oder zur Verzweiflung anbieten. Die Ent­schlüsselung des menschlichen Wesens wäre zwar den Aufgaben eines Forschungsinstituts wert, würde aber uns  vielleicht allzu sehr überraschen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski