Nix verstanden

Wir sind technisch hoch gerüstet. Wir sind die bestinformierteste Gesellschaft, die es je gab. Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet via Computer, Handys und Smartphones versorgen uns während des Tages kontinuierlich mit Informationen zu allen Tagesereignissen. Nachrichtigen im 20-Minuten-Takt. Eilmeldungen in Kopf- oder Fußzeilen während des Spielfilms. Über die Medien haben wir Informationen satt. Hinzukommen eine Fülle von Büchern, Ratgebern und Lebenshilfe nicht nur in Kulturkaufhäusern, sondern auch in Bahnsteigkiosken und auf Tankstellen. Wie in einer Endlosschleife erfahren wir über Finanzkrise, den Krieg in Afghanistan und die merkwürdigen Handlungen eines Bundespräsidenten in Zeittakten, die sogar die 3-Minuten-Schwelle unterschreiten können, wenn wir uns dazu entschließen, die Medien zu wechseln oder bewusst Informationen abzurufen. Wir sind gegen den medialen Overkill nicht mehr gefeit, zumal nicht nur unser Informationsinteresse bedient werden soll, sondern jede mediale Veröffentlichung dem knallharten Auftrag entspricht, dadurch eine Geschichte zu erzählen und Geld zu verdienen. Ob wir es wollen oder nicht, sind die Empfänger Konsumenten, ohne die die Informationsflut sinnlos wäre. Würde der Absatzmarkt stocken, hätten wir nicht nur ein Konsumentenproblem, sondern darüber hinaus auch ein wirtschaftliches Problem mit Auswirkungen auf Werbung, Markmacht und Absatz. Nur, wie viele Informationen verträgt der Mensch? Die Dauerherausforderung führt zur Abstumpfung und zwingt den Informationsproduzenten dazu, über neue und vielleicht sogar auch gewagtere Thesen zu liefern oder auch Ereignisse zu eruieren, die bei gesundem Menschenverstand als solche überhaupt nicht relevant erachtet werden. Natürlich ist der Mensch in der Lage, zwischen verschiedenen Informationen auszuwählen ob die eine oder andere für ihn wichtig ist, das wichtige auszusondern und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das bedeutet aber schon, dass ein Präklusionsprozess in Gang gesetzt worden ist. Dies wiederum bedeutet, dass die Information den Menschen überhaupt erreicht hat. Dieser Präklusionsprozess selbst beinhaltet viel Kraft und Filtermöglichkeiten, die nicht nur viel Zeit zum Beispiel beim Aussondern der wichtigen E-Mails verlangen, sondern zu Ermattungen führen, die dazu angetan sein können, selbst wichtigen Spuren nicht  mehr nachzugehen. Nachdem 100 E-Mails durchgescrollt worden sind, ist der User seines Smartphones nicht mehr in der Lage, sich daran zu erinnern, was er davor eigentlich vorhatte. Da bei den meisten Informationskonsumenten keine realen Aufzeichnungen mehr geführt werden, findet der Erinnerungsprozess auf die selbst ermüdende Art und Weise wiederum in den Medien statt mit der Folge, dass der Prozess selbst schon als Arbeit wahrgenommen wird und sich der Erkenntnisprozess darauf beschränkt, auf die unmittelbar wahrgenommenen Informationen noch zu reagieren. Das Sprichwort: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ließe sich hier ergänzen, und zwar in Bezug auf sämtliche Medien: „Was ich gesehen, gelesen oder gehört habe, gehört im Moment des Wahrnehmens bereits der Vergangenheit an, nur noch ganz wenige existentielle Herausforderungen berühren den Menschen und leiten Reflexionen, reale Auseinandersetzungen und einen Prozess des Commitments ein. Der Mensch ist sich seiner Situation durchaus bewusst, kaschiert den Prozess der Auswahl und des Vergessens mit der Behauptung des Engagements. Wenn für den Menschen die eigene Situation drängend wird, reagiert er in Kenntnis des allgemeinen Verdrängungsprozesses meist hektisch und versucht, alles zu mobilisieren, um in möglichst kurzer Zeit zum Ziele zu gelangen. Der moderne Mensch weiß dabei sehr genau, dass – wenn er nur einen Moment nachlässt, um das für ihn wichtige Projekt zu realisieren – dieses aus dem Sinn gerät, möglicherweise bei ihm selbst sogar, aber vor allem bei denjenigen, die er als Mitspieler benötigt. Erklärungsversuche für diese neue Welt finden sich in zahllosen Publikationen. Es wird abgestellt auf die Komplexität unseres Lebens, die kybernetischen Fähigkeiten, die ein Mensch heute beweisen muss und die neuen Herausforderungen zum Beispiel durch ständige Beteiligungsprozesse und systemische Regelungen. Diese Deutungsversuche erweisen sich aber in der Regel nicht als hilfreich, sondern verstärken sogar den Prozess der Ermüdung. Der Mensch erfährt, dass er den Ansprüchen – seinen eigenen und fremden – nicht mehr gewachsen ist, schüttelt den Apparat bis ihm dieser verkündet: tilt. Aber mit der Erfahrung wieder auf Start zu gehen und neu zu beginnen, ist sehr schwierig, denn der Mensch hat nicht nur ein technisches Problem zu lösen, sondern zu diesem gesellt sich sein Körper, sein Verstand uns seine Seele. Der Mensch stellt sich die Frage, ob es noch sinnvoll ist, was er macht und will gleichzeitig mithalten, nicht ausgegrenzt sein. Nicht nur Burnout, Boreout und andere modische Erscheinungen sind die Folge, sondern auch eine Regression in den menschlichen Möglichkeiten über Fantasie, Distanz zu den Medien und den technischen Möglichkeiten, über Logik und Verstand zur Erkenntnis zu gelangen, die unsystematisch dazu beitragen können, den Fortschritt zu gestalten. Wenn der Mensch sich etwas weigert, aus taktischen Gründen zumindest etwas nicht verstehen will, hat er sich möglicherweise einen Freiraum erobert, den er nach Lust und Laune gestalten kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski