Leo Plugoff wusste noch bis vor kurzem, was ihm die Stunde geschlagen hatte. So ungefähr Anfang November war der Jahrestag der Oktoberrevolution, ungefähr im Januar war Weihnachten und später begann das neue Jahr. Und dann geschah eine Veränderung, die aus dem Radio zu vernehmen war. Das schien ihm aber für das Leben nicht so wichtig zu sein, denn – so wusste Leo Plugoff – die Radiouhren tickten ohnehin anders. Eine Radiostunde war regelmäßig etwa halb so lang wie eine Plugoffstunde. Plugoff ärgerte sich immer über diese Eile und war daher überhaupt nicht verwundert, als man im Radio urteilte, Weihnachten sei jetzt im Dezember und das Jahr beginne künftig Anfang Januar. Plugoff staunte nur, dass die Leute im Radio sich so beeilt hatten, dass es ihnen sogar möglich wurde, ganze Wochen einzusparen. Für Plugoff, der die Gedanken an diese ungeheure Zeitersparnis allmählich wieder verlor, blieb zunächst alles beim Alten: seine Stunden länger, länger als die Nacht und der Tag. Plugoff vergaß und nichts wäre ihm wieder in den Sinn gekommen, wäre nicht plötzlich die Katze seines Nachbars verschwunden, wobei alles Suchen nichts half und das Jammern und Weinen seines Nachbars kaum auszuhalten war. So wünschte sich Plugoff, dass seine Zeit schneller vergehe, und erinnerte sich an die Radioberichte. Nach ungefähr zwei Wochen – so rechnete Plugoff aus – würde der Nachbar soviel geschrien, geweint und gelärmt haben, dass ihm keine Stimme mehr bliebe und alles wieder seine Ordnung hätte. Der kühne Gedanke war da, aber es fehlte noch die Verbindung zwischen dem Gedachten und dem Gewinsel des Nachbarn. Das Radio musste auf äußerste Lautstärke gestellt werden. Vielleicht überholt sich dann die Zeit. Und der Jammer.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski