nach und nach Amerika

Über den Verkauf der günstig gelegenen 1-Zimmer-Wohnung wurden sich Alexeij Tichonow und Boris Jablonski einig. Alexeij Tichonow wollte endlich nach Amerika und Boris Jablonski endlich eine Wohnung, denn er hatte keine. Der Preis war ausgehandelt, auch der Makler war bedacht, und schon nach einer Woche war der Termin beim Notar. Das herzliche Einvernehmen der beiden wurde nur von einem Problem überschattet. Alexeij Tichonow brauchte das Kaufgeld, um sich die Flugkarte nach Amerika zu kaufen und auch um alle Vermittler zufrieden zu stellen. Boris Jablonski wollte aber erst bezahlen, nachdem er in die Wohnung eingezogen sein würde. So biss sich die Katze in den Schwanz und beide waren sehr betrübt über diese missliche Situation. Sie dachten beide getrennt und auch zusammen nach. Die Situation erschien ausweglos. Sie hatten aber Berater, deren Klugheit man wirklich nur preisen kann. Der kühnste Vorschlag überzeugte beide. Alexeij Tichonow sollte nach und nach ausziehen, Boris Jablonski nach und nach einziehen, bis alles sein Gleichgewicht fände, der eine verschwunden und der andere da sei. So sollte es auch mit dem Kaufgeld sein; es sollte nach und nach in die Tasche von Alexeij Tichonow fließen. Man wollte sich an die Gezeiten erinnern: Ebbe bei Boris Jablonski und Flut bei Alexeij Tichonow. Der grandiosen Idee folgte sofort die Tat. Alexeij Tichonow machte in seiner Wohnung Platz für Boris Jablonski.

Ein Regal war schnell geräumt, auch ein weiterer Stuhl fand seinen Platz, der Tisch wurde geteilt und über die Benutzung von Küche und Bad wurde man sich auch noch einig. Selbstverständlich benutzten sie nicht dieselbe Zahnbürste.

Leider war kein Platz für ein weiteres Bett. Der spontane Entschluss, das Bett abwechselnd zu nutzen, erwies sich als Fehlschlag, denn das bedeutete für Alexeij Tichonow Auszug und Einzug und für Boris Jablonski Einzug und Auszug. Die Situation war an dieser Stelle unklar und brachte Alexeij Tichonow kein Geld und Boris Jablonski keine Besitzerruhe. So befolgten sie den Rat der noch klügeren Ratgeber und legten sich gemeinsam in das Bett. Zunächst Alexeij Tichonow an der Innenseite und Boris Jablonski an der Außenseite, dann Boris Jablonski an der Innenseite und Alexeij Tichonow an der Außenseite. Im wohl kalkulierten beiderseitigen Interesse drängelte Boris Jablonski Alexeij Tichonow allmählich aus dem Bett, bis der auf den Boden fiel, und warf eine Anzahlung des Kaufgeldes hinterher. Dann sägten sie gemeinsam den Stuhl von Alexeij Tichonow kürzer und halbierten den Tisch. Jedes Mal gab es Geld. So ging das zehn Tage.

Die Wohnung ist nun eingeebnet und Boris Jablonski liegt seelenruhig in der Badewanne und schläft. Alexeij Tichonow ist schon fast in Amerika, hat er doch kluge Vermittler und Ratgeber, und wenn er müde wird, schläft er in der Wartehalle des Flughafens ein bisschen ein und träumt davon, dass es bald losgeht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski