6. Körperangst

Der Mensch ist im wahrsten Sinne des Wortes Zauberlehrling. Er kann mit dem, was er selbst schafft, nicht Schritt halten. Seine Kommunikationsfähigkeit, die auf der Sprache beruht, sein analytischer Verstand und seine kybernetische Befähigung lassen ihn Dinge erschaffen, die ihn an anderer Stelle seelisch, geistig und auch körperlich überfordern. Der Mensch kann mit sich selbst nicht Schritt halten. Er lebt in einer bizarren Welt des Anspruchs und der Behinderung, des großen Könnens und des Versagens. Alle diese auch sehr alltäglichen Erfahrungen bilden sich nicht nur im Verstand und in der Seele des Menschen ab, sondern selbstverständlich auch in seinem Körper. Der Körper muss die ungeheure Belastung, der der moderne Mensch ausgesetzt ist, verkraften. Er konditioniert sich darauf und schafft für unsere Leistungsfähigkeit Räume, die wir mit ehrgeiziger Arbeit, aber auch Ablenkung, Vergnügen, sportlichem Ehrgeiz und draufgängerischem Einsatz ausfüllen. Ob wir unseren Körper überfordern oder nicht, bekommen wir in aller Regel überhaupt nicht mit. Im größten „Stress“ signalisiert uns der Körper oft Wohlbefinden, schüttet Dopamin aus und lässt uns wunderbar agieren. Die Kehrseite all unseres Engagements ist aber Angst. Diese Angst ist nicht festzumachen an der Furcht vor einem konkreten Ereignis, sondern sie ist die Angst davor, dass wir nicht durchhalten, etwas Unerwartetes passiert, unser Körper uns im Stich lässt oder wir die Kontrolle über unsere spezifische Form des Lebens verlieren. Diese Angst, die fast jeder Mensch kennt, verspannt, verkürzt die Sehnen und Nerven und drückt sich insbesondere in diffusen Körperschmerzen aus. Diese Schmerzen bekämpfen wir in der Regel durch Medikamente, Spritzen, aber auch Physiotherapie und dergleichen mehr. Das ist verständlich, und prinzipiell ist auch nichts dagegen einzuwenden. Bedacht werden sollte aber auch für einen Moment, dass der Körper ein Ventil benötigt. Für den belasteten Menschen ist der Schmerz eine nicht wegzudenkende Erscheinung. Er wird immer wieder auftreten, und zwar an unterschiedlichen Stellen. „Ohne Schmerz kein Herz.“ Der Schmerz lenkt nicht nur ab, sondern schafft zusätzliche Fähigkeiten der Konzentration und des Verständnisses. „Ich leide, also bin ich.“ All dies klingt platt und manche könnten der Versuchung nicht widerstehen, darin auch eine Verhöhnung derjenigen Menschen zu sehen, die große Schmerzen erleiden müssen und sich kaum zu helfen wissen. Das ist aber nicht damit gemeint, sondern es geht um die Schmerzsignale, die der Körper aussendet, weil er seine Belastung aufzeigen will. Diese Signale sollten willkommen sein und die Gelegenheit eröffnen, sich mit der eigenen Situation und dem Schmerz auseinanderzusetzen, ihn gegebenenfalls dort zunächst zu belassen und die Ursachen zu ergründen. Diese Form des Schmerzes neigt zum Wandern, er ist aber nicht schlimm, sondern erinnert uns an unsere eigene Verletzlichkeit. Und das ist gut so.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski