Der Übermensch

Insbesondere in der medialen Öffentlichkeit machen Menschen auf sich aufmerksam, die die Fähigkeit besitzen, präsent zu sein, niemals um eine Antwort verlegen, vielfach frech und obendrein noch nett anzusehen. Es wird mediale Prominenz geschaffen, und zwar in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, von Showbusiness bis Politik und Wirtschaft. Aus dem Fundus der öffentlich prämierten Persönlichkeiten werden dann die Führungskräfte berufen, ob in politische Gremien, Theater oder in die Wirtschaft. Es ist zwar denkbar, dass die so gekürte Person auch über herausragende Fähigkeiten verfügt, zu führen und zu gestalten. Zwangsläufig ist dies nicht und es ersetzt allemal nicht die Verpflichtung, sich eingehend, kontrovers und vielfältig mit den verbesserungsbedürftigen Strukturen des jeweiligen Unternehmens auseinandersetzen. So kann zum Beispiel bei einem Theaterintendanten, der ein sicheres Gespür für künstlerische Produktionen besitzt, nicht unterstellt werden, dass er das Theater auch wirtschaftlich klug, betriebswirtschaftlich beschlagen und medial wirksam führt. Universalprofis sind sowohl am Theater als auch in der freien Wirtschaft selten. Zu bedeutend sind oft auch die Interessengegensätze. Um bei dem Theaterbeispiel zu bleiben: Der Künstler im Intendanten wünscht sich verständlicherweise möglichst viel Geld für eine herausragende Theaterproduktion, der Kaufmann in ihm hätte abzuwägen zwischen den Kosten der Produktion und des Vertriebs unter Berücksichtigung der Nebenkosten; und der Schatzmeister in der Person des Intendanten würde sich gar den Kreditgebern, den Banken, den Gesellschaftern und sonstigen Zuwendungsgebern gegenüber verantwortlich fühlen.

Es ist daher sowohl im Theater als auch der freien Wirtschaft, in der Politik und überhaupt in unserem täglichen Leben zu überprüfen, ob die handelnden Personen über die spezifischen Kompetenzen verfügen und sie gegebenenfalls entsprechend den Bedürfnissen des jeweiligen Unternehmens bilden. Aus dem lebhaften Diskurs der Verantwortlichen, der Kontrolle durch Leistungsabgrenzung und öffentliche Bescheidenheit ergibt sich eine selbstbewusste, integrative und auf Nachhaltigkeit angelegte Struktur, also ein Netz von Verantwortungsträgern. Sie vermag sich gegenüber dem delegierten Entscheider zu behaupten, zumal Letzterer darauf angewiesen ist, seine Kompetenz andauernd dadurch zur Schau zu stellen, dass er Veränderungen vornimmt. Ob diese wirksam, verantwortbar und schlussendlich sinnvoll sind, bleibt dahingestellt. Der Wunsch nach einer Führungskraft ist verständlich, es reicht aber nicht aus, einer handlungsbereiten Persönlichkeit das Ruder zu überlassen und sich aus dem Gestaltungsraum zurückzuziehen. Vielleicht sollte einmal dem Nachdenklichsten und nicht dem Lautesten eine Gestaltungschance gegeben werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski