Ferien vom Ich (Teil 2)

In der Erziehung spielt die Auseinandersetzung mit den Ansprüchen des Kindes eine entscheidende Rolle. Mit seinen Ansprüchen tastet es sich in das Leben vor. Aufgrund seiner Anlage tut es das aber nur mit dem einen Ziel, über Erfahrungen die Sicherheit zu erlangen, selbst zu gestalten. Hier ist die entscheidende Weichenstellung für künftiges Verhalten. Es ist zu beobachten, dass Eltern ihren Kindern diese Ansprüche rauben, indem sie ihnen jegliche Eigeninitiative abschneiden. Auch ist zu beobachten, dass Eltern ihren Kindern aus Bequemlichkeit oder aus Kalkül in jeder Weise nachgeben und somit dafür sorgen, dass der kindliche Anspruch die Dimension eines aufgeblasenen Luftballons erreicht. Ansprüche sind aber nicht nur dafür da, befriedigt zu werden, sondern schaffen auch Lebensmuster für spätere Daseinsgestaltung. Wenn ein Anspruch nicht befriedigt wird, führt das oft zu einer Klage darüber, die Eltern hätten dies in ihrer Kindheit auch nicht gehabt. Das setzt sich dann fort in einem Jammern darüber, wie schlecht es einem doch ginge und dass es daher eine Unverschämtheit wäre, wenn jetzt nicht die Dinge zu ihren Gunsten geändert würden. Das Kind, welches die Zusammenhänge nicht zu erkennen vermag, lernt daraus, dass es eine Alternative im Leben gibt: nicht an der Selbst- verwirklichung zu arbeiten, sondern klageweise all das zu erzwingen, was einem scheinbar vorenthalten wird. Klagen muss aber nur derjenige, der passiv ist. Der aktive Mensch kommt überhaupt nicht auf die Idee zu klagen, denn dies würde offenbaren, dass er nicht dazu fähig wäre, sich zu organisieren, mit Anderen zu gestalten und sich in seinem Leben zu verwirklichen. Wer nicht klagt, hat Mut. Er arbeitet an der Beherrschung seines Lebens, bleibt gesund und freut sich jeden Tag. Wer gestaltet und verändert, schwimmt gegen den Strom und hat mächtige Schwierigkeiten: Zum einen sind sämtliche Regularien, Gesetze und Verordnungen in der Regel nicht seine willkommenen Wegbereiter, jedenfalls soweit sie seine Selbstinitiative abschneiden. Aber auch Menschen, die klagen und Ansprüche stellen, können ihn nicht leiden, können nichts mit ihm anfangen und bezichtigen ihn des Verrats. Unter Klagenden und Leidenden ist man gerne einer Meinung und versucht, weitere Verbündete zu gewinnen. Jede Freude am Leben ist verdächtig, jeder Jauchzer ein Verrat an der gemeinsamen Misere.

Unsere Gesellschaft ist deshalb krank, weil sie auf Anspruchsdenken beruht. Diejenigen, die das System verteidigen, führen an, dass eine im Unglück solidarische Gesellschaft eher legitimiert sei, als eine Gesellschaft von Idealisten, die nach Selbstverwirklichung streben. Eine derartige Ansicht unterstellt, dass diejenigen, die sich im Leben verwirklichen wollen und auch daran arbeiten, grenzenlose Egoisten seien. Ich glaube, dass dies nicht der Fall ist. Ich bin davon überzeugt, dass diejenigen, die sich verwirklichen, vor allem geben und nicht nehmen. Sie warten nicht auf den nächsten Schritt anderer, sondern geben permanent, weil dies ihrem Lebensmuster entspricht. Sie sind überhaupt nicht daran interessiert, sich stets selbst zu betrachten, sondern schauen darauf, welche Möglichkeiten sich ihnen bieten, um ihren Tatendurst zu stillen. Es gibt nur ein großes Problem: In jeder Gesellschaft müssen sie kooperieren mit denjenigen, die kollektiv oder individuell Ansprüche stellen, die nur klagen und die Teilhaberschaft an ihrem Unglück einfordern. Dies stellt eine enorme Belastung dar, raubt Kräfte und führt oft zur Lähmung und zum Stillstand auch der interessantesten Projekte. Selbst dort, wo engagierte Menschen selbstlos tätig sind, begegnen ihnen Misstrauen und Unverständnis. Eine Gesellschaft, die in erster Linie klare Kompensationsrituale hat, vermag nicht zu verstehen, dass Einzelne gerne geben und nichts dafür wollen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski