Das Klischee vom alternden Menschen hält einer Überprüfung nicht stand. Er ist anders, als wir uns ihn vorstellen wollen. Wir wissen nichts von ihm. Wir sind sogar bereit, ihn lächerlich zu machen, weil wir ihn nicht einschüchtern können. Er lässt es zu, weil ihm der Spott der jüngeren Menschen gleichgültig ist.
Der ältere Mensch will aber nicht 20 oder 30 sein. Er sehnt sich keineswegs in die Rolle eines Teenagers zurück, sondern will allenfalls dann noch den Körper eines 20-Jährigen, wenn er die Fähigkeit seines Alters besser ausleben möchte. Im Gegensatz zur Ansicht jüngerer Menschen hat der ältere Mensch noch Potenzial. Sein Potenzial liegt in der Lebenserfahrung, in der Souveränität im Umgang mit Regeln und deren Durchbrechung. Die Souveränität des älteren Menschen liegt vor allem in dessen Unverwundbarkeit. Als Tschernobyl über uns alle hereinbrach, ging mein Vater unbekümmert in seinen Garten und erklärte der staunenden Familie, dass ihm der Atomregen nichts antun könne. Er hatte Recht, und wir wissen es. Das Kalkül des älteren Menschen ist seine Endlichkeit. Das Kalkül des jungen Menschen ist seine Unendlichkeit, die er täglich verteidigen muss. Das macht den jungen Menschen unfrei und oft genusslos. Der ältere Mensch begibt sich in keine Konkurrenzsituation. Er genießt meist. Der ältere Mensch genießt jeden Tag die Wärme, die Kälte, seinen Hunger, seinen Durst und seine Fähigkeit zu sehen, zu hören, zu riechen. Er hat Zeit, er ist gebildet, er hat möglicherweise Geld aber vor allem Freude. Freude am Lernen, Freude am Arbeiten, Freude an seinen Enkelkindern. Dagegen plagen sich seine Kinder in den besten Jahren mit ihren Kindern, also seinen Enkelkindern, sind im ständigen Kampf zwischen Erwerbssucht und Vergnügen gefangen. Sollte der ältere Mensch nicht denjenigen, die so durch ihre Zeit rasen, Einhalt gebieten, auffordern auszusteigen aus ihrem lauten Gefährt? Er könnte es, muss es aber nicht. Der ältere Mensch wäre nicht weise, wenn er der Jugend ihre Jugend nicht ließe, denn wenn die Jugend schon nach dem Alter strebte und so sein wollte wie er, bliebe dem Alter nichts Besonderes mehr.
Sex und Körperlichkeit. Dies reklamiert die Jugend für sich und vergisst dabei oft das Entscheidende: Erotik! Die Fantasie des älteren Menschen ist weit ausgeprägter als diejenige der Jugend. Die Jugend will tun. Sie will machen. Sie will erleben. Sie will Luft ablassen. Sie will fahren, springen, rennen. Im Kopf und in der Seele des älteren Menschen ist eine Bilderwelt, ein Kosmos von Blicken, Empfindungen, Gedanken und Erfahrungen. Düfte und Geschmäcker haben sich verwoben in einem gelassenen Augenblick der Lust. In fast jedem Au- genblick empfindet der ältere Mensch Lust. Lust am Leben. Lust am Sex. Lust an der Beobachtung. Lust an der Arbeit. Lust an der Bildung. Lust am Wissen. Alles ist Lust.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski