Von der Freiheit eines (Christen-)Menschen

Das Paradoxon liegt bereits in der Überschrift. Freiheit an sich gibt es nicht, sondern nur die Abwägung zwischen verschiedenen Fesseln. Weder sind die Gedanken frei, noch die Taten freiheitlich bestimmt. Alles am Menschen ist absolut unfrei. Er hat nichts für sich. Nach völliger Aufgabe sämtlicher Versuche, Freiheit für den Menschen zu reklamieren, besteht vielleicht die Möglichkeit, den großen Bereich der Unfreiheit so einzuschränken, dass zumindest die Idee der Freiheit für einen kurzen Augenblick aufleuchtet. Das Maß der Bindung des Menschen schafft ihm seine Ordnung, in deren Rahmen vermieden wird, dass Chaos entsteht.

Ein wichtiges Attribut der Freiheit ist also zunächst das Chaos. Als Zeichen seiner Freiheit wird vom Menschen auch begriffen, dass er sich töten kann. Das ist im Kern nicht richtig. Der Mensch richtet die Waffe gegen sich, weil er gerade unfrei ist, meint den Umständen nur dadurch entfliehen zu können, dass er sich selbst richtet. Hier verschleiert die Willkür den Akt der Unfreiheit. Kein Mensch weiß, was ein freier Gedanke bedeutet. In seiner Unbekümmertheit erschreckt er ihn. Im Gegensatz zu unseren Gedanken, die stets versuchen, die Flut der freien Assoziationen von Bildern und Empfindungen zu zähmen, ihnen sozusagen ein verlässliches Kostüm zu geben, entwickelt sich Freiheit dort, wo wir uns fluten lassen von dem, was in uns steckt. Nach landläufiger Meinung haben wenige die Freiheit, etwas zu gestalten. Der Bauer, der den Acker pflügt, oder der Tischler, der den Tisch leimt: Das sind freie Menschen.

Nur wer etwas tut, ist frei. In graduellen Unterschieden tut jeder etwas und damit ist wohl die Gleichheit zu begründen, nicht aber die Freiheit. Die Freiheit besteht darin, sich zu verweigern, gerade nicht dorthin zu laufen, wo alle stehen, gegen den Strom zu schwimmen und rückwärts laufend nach vorne zu gehen. Auf dem Platz der Freiheit wird nur derjenige besucht, der bleibt und nicht mit den anderen marschiert, ob diese Freiheitslieder singen oder nicht. Möglicherweise ist daher derjenige frei, der alles in sich zulässt und in völligem Chaos seelenruhig seinen Platz behauptet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski