Wissen ist Macht. So lautet der verzweifelte Aufschrei eines Mannes, der keinen Erfolg bei Frauen hat, kein Politiker ist und auch nicht über Geld verfügt. Unbeantwortet bleibt mit dieser völlig unqualifizierten Feststellung, ob der Postulant über das Wissen verfügt, welches die Macht ausmacht? Früher war das einmal anders. Heute ist unter diesem Aspekt der Computer das mächtigste Individuum, weil Wissen eine Frage der Speicherkapazität ist. In der Tat ist es für denjenigen, der Macht ausüben möchte, zuverlässig und ratsam, auf Wissen zurückzugreifen. Denn ohne dieses Wissen ist er kaum in der Lage, andere herauszufordern. Die Demokratisierung des Wissens hat jedoch zur Folge, dass es für den Einzelnen schwieriger wird, Anderen Wissen vorzuenthalten, weshalb damit sein Machtzuwachs gefährdet ist. Mit dem Verlust des Machtvorsprungs durch Wissen gerät etwas Anderes in die Ziellinie der Begehrlichkeit: Bildung.
Was ist heute darunter zu verstehen? Unter traditionellen Gesichtspunkten ist der Bildungsbürger derjenige, der mehr oder weniger geschickt Stichworte aus Oper, Theater, Konzert, Literatur und Naturwissenschaften zusammenklaubt, auf Abruf gegebenenfalls noch in verschiedenen Sprachen, diese verknüpft und bei dem Zuhörer den Eindruck einer genialen Geisteskraft hinterlässt. Dem Spötter ist der Bildungsbürger recht. Der Gebildete weiß um seine Fähigkeiten aber auch um seine Defizite. Er empfindet Freude und Lust an seinen vielfältigen Erfahrungen, seinen Fähigkeiten zu fabulieren und zu musizieren, den Überblick zu gewinnen und zu behalten. Der gebildete Mensch speist seine Erfahrungen aus Wissen und bereichert dieses Wissen durch die selektive Wahrnehmung und Verknüpfung mit anderen Wissenselementen.
Die Bildung ist nicht universal, sondern sehr persönlich und erfährt in jedem Menschen einen anderen spezifischen Ausdruck. Im Gegensatz zu Wissen ist Bildung weder demokratisch noch kompromissfähig. Bildung ist die Trägerschaft für Einsichten und der Nährstoff für unerwartete Gedanken und Empfindungen. Es bildet sich aus der Verknüpfung verschiedener Impulse etwas Ungewohntes, Neues. Dies wiederum ist allerdings nur ein Zerfallsprodukt bei der Entwicklung eines weiteren Produkts.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski