Wahre Zeit

Immer wieder erfahre ich, dass Journalisten im Internet für ihre Beiträge gedemütigt, beleidigt und sogar mit dem Tode bedroht werden. Dass Letzteres sogar öfters, und zwar nicht nur in Paris, auch umgesetzt wurde, offenbart, dass Sprache noch immer eine Macht bedeutet, der offenbar mit anderen Mitteln als der Vernichtung des Urhebers nicht mehr beizukommen ist. Dass die Urheber dieser Maßnahmen damit ihre eigene Machtlosigkeit unter Beweis stellen, scheint eher noch zu radikalisieren.

Es trifft allerdings nicht nur Journalisten, sondern auch Blogbetreiber, Gelegenheitsschreiber, Schriftsteller, Professoren und Politiker. Kurzum: Jeder ist einmal dran oder kann dran sein, wenn er den Mund auf macht, sich äußert zu einem Thema, privat, beruflich oder gesellschaftlich. Insbesondere die sprachlichen Pfeile aus dem Hinterhalt kennt auch jede Dorfgemeinschaft. Man nennt das „tratschen“. Die eigene Einsicht oder Haltung spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, maßgeblich ist es, den Prozess an sich in Gang zu bringen und sich durch Aggressivität zu profilieren.

Und dank Internet ist es leicht, Verbündete zu finden: Gemeinsam ist man stark, so jedenfalls der Glaube, bis der Frust einsetzt. Lohnt sich der Kampf, das Beleidigen und Beschimpfen derjenigen, die etwas schreiben oder sagen? Aus der Sicht derjenigen, die das tun, vielleicht. Folgende Geschichte: Eine Frau mittleren Alters sitzt jeden Tag am Fenster ihrer Parterrewohnung mit Blick auf eine viel befahrene Straße und mit Spiegeln links und rechts des Fensters. In diesen kann sie den Verkehr überblicken und alles aufzeichnen, was sich ereignet. Wer falsch oder zu lange parkt, beim Aus- und Einrangieren eines Fahrzeuges, ein anderes touchiert. Alles trägt sie mit Uhrzeit, Autokennzeichen und Vorkommnis in Stichworten in ein Buch ein, welches täglich anwächst und sie als Zeugin zum Beispiel wegen eines Verfahrens wegen Fahrerflucht in Betracht kommen lässt. Gleichermaßen werden in Zeitschriften, Zeitungen aber auch in Hörsälen Verstöße gegen angebliche Verletzungen von Objektivitäten, Gesetzen und sonstigen Wahrheiten gesucht und protokolliert. Das Protokoll setzt dann das Verfahren in Gang, in dem der Ermittler auch der Scharfrichter sein darf und das noch anonym. Welche Genugtuung. Um welche Wahrheit geht es allerdings, die da verletzt worden sein soll? Warum soll ich mir von anderen vorschreiben lassen, was ich lesen will oder zu lesen habe? Warum kann ich mir nicht fragwürdige Angebote textlich, visuell oder allein durch Hören unterbreiten lassen und auswählen, was mir zur Erfahrung genügt und was nicht? Die Wahrheit gibt es nicht. Es gibt auch nicht eine Wahrheit oder sogar eine halbe Wahrheit. Nichts ist wahr und es ist alles wahr. Alles, was mir zugetragen wird, sind Anregungen für meine eigenen Fähigkeiten, zu denken, zu fühlen und Entscheidungen zu treffen.

Daher bin ich jeder Zeitung, allen Medien und Professoren dankbar, dass sie sagen, was sie denken und fühlen. Mich bereichern viele Gedanken und Argumente. Die Autoren zu beleidigen und gar zu töten, ist auch ein schwerwiegender durch nichts zu rechtfertigender Eingriff in mein Leben als Adressat.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski