aus „Der Traum vom Titelhelden“
Die Bilder belegen es, Aleppo ist zerstört. Die Bewohner – soweit sie noch am Leben sind – auf der Flucht oder haben sich auf Zeit in den Ruinen eingerichtet.
Hans vom Glück berichtet aus Aleppo am 17.09.1986 aus dem Souk von Aleppo Folgendes:
Ausrufer, Esel und kleine hupende, ratternde Lieferwagen, an die man sich anhängen kann, im Tempo der tiefen Farben der Nacht, die süßesten Gerüche genießen oder bedrängt werden, von dem Hupen und den Scheinwerfern gestellt, sehr zur Freude derer, die nicht Europäer sind. Raupen, Spinnen, Kokons, Fäden, die nicht leiten. Fäden, die den Ausgang versperren, nicht gehen lassen wollen. Bleib.
Unser Titelheld hat sich schon ein Dutzend Mal im Kreise gedreht, sich tief und tiefer in den Bauch des Souks gebohrt. Je vertrauter ihm alles wird, desto mehr verblasst das Licht des Ausgangs. Er nähert sich immer wieder denselben Händlern, fühlt ihre Tücher. Ein Brummen und Summen. Tee wird ihm gereicht, süßer Tee, der zehn Gewürzstationen passieren muss, bevor er in den Mund schießt. Tee, der einen zum Verschwörer macht, wenn man ihn trinkt. Der Tee berauscht. Jeder Tropfen ist getunkt in Wissen, welches den Tropfen umschließt, ihn zur Perle macht. Unser Titelheld hat den Mund voll Perlen, jede eine Erfahrung, eine Verheißung. Das Glück im Leben ist kostenlos! Unser Held will bezahlen.
Sahib, ach Sahib, du hast nichts verstanden, dein Glück ist umsonst! Dein Glück zwischen Hammelhälften, die an schweren eisernen Ketten hängen, dein Glück zwischen Nüssen und Gewürzen, Feigen, Salaten, Trauben, Tomaten. Im fahlgrünen Licht wird aus Spritzen heißes süßes Gebäck gepresst. Tücher, Teppiche, Tiere, dein Glück, Titelheld, Auge in Auge mit der Versuchung zu kaufen, und wenn es auch ein riesiger Ballen Baumwolle wäre, ein Hahn vielleicht oder zehn Meter des roten Stoffes, Gold vom Knöchel bis zum Kopf. Es ist Mittag in Aleppo. Der Dampf der Metro in Paris ist ein kühler Fächer verglichen mit dem Dunst von Menschen, Gewürzen und Tieren im Souk von Aleppo.
Unser Held badet im Glück, er hat alles, was er braucht, alles, was er will für sein Spiel. Nichts liegt offen. Alles ist verkleidet, verhüllt, eingesperrt, versperrt in fremder Sprache, fremder Kultur. Wunderbar klebrige Luft. Erschöpft betritt er ein Café. Noch dunkler, noch klarer, ein Dutzend Wasserpfeifen gurgeln in der Stille. In den Gläsern Licht von allen Ampeln, Perlen in jeder Blase, Farbtöne, Gedanken, er setzt an zu einem langen ewigen Zug. Noch nie hat er seine Lungen so prall empfunden, gestärkt vom Rausch wie damals…
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski