Ja, ich bin ein Mensch und das halte ich aus? Jetzt, während der Flüchtlingskrise, strömen via Internet oder Fernsehen pausenlos Bilder auf uns ein, die Menschen in verheerender Situation zeigen, frierend, hungernd, arbeits- und beschäftigungslos, auf der Flucht, ältere und junge Menschen, Familien insgesamt. Wie halten Menschen, wie hält der einzelne Mensch dies aus, wie hält er es aus, gedemütigt, vertrieben, beschossen und verletzt zu werden? Wie hält er es aus, keine Bleibeperspektive nirgendwo zu haben, selbst dann nicht, wenn er Asylchancen hat? Was wird aus einem Menschen, der nichts zu tun hat? Wie kann ein Mensch die Strapazen von Gefängnis und Folter ertragen, auch dann, wenn er unschuldig ist?
Ja, es gibt erschütternde Bezeugungen derer, die Holocaust und KZ-Aufenthalte überstanden haben, seien sie Juden, Christen oder Andersgläubige. Aber all dies klingt oft so abstrakt, so verständig und unnah. Für viele von uns ist die Transzendierung des Leides durch den Opfertod Jesus Christus ermöglicht worden. Der Gekreuzigte hängt ohne Andeutung eines Schauderns in Wohnzimmern, Kneipen, Kirchen und Schulen. Gräueltaten überschwemmen allabendlich unsere Wohnzimmer. Leid persönlich und körperlich nah zu erfahren, ist wohl nur dem Leidenden selbst vorbehalten und schwer zu kommunizieren, weil das eigene Mitleiden weniger mit dem Einfühlen, als mit der Abwehr des Leidens zu tun hat.
Da wir uns auf das stellvertretende Leiden nicht verstehen, ermangelt es uns auch an einer evaluierbaren Basis dessen, was für Menschen hinnehmbar ist. Hiob hat Leid auf sich genommen und uns dadurch einen Spiegel eigener Möglichkeiten geboten. Mögen wir daran erkennen, was wir anderen nicht zumuten dürfen, um unserer eigenen Unfähigkeit des Leidens wegen. Wir haben kein Recht, anderen, auch ungeplant, das zufügen zu lassen, was wir für uns selbst stets vermeiden wollen.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski